Für Portugal ist ein Traum geplatzt
„Magisches Dreieck“ ohne „Knipser“

Eigentlich ist Luiz Felipe Scolari, kurz "Big Phil" oder auch "Felipão", ein toller Klient für die Journallie. Seine Antworten sind ausführlich, Floskeln sind nicht sein Ding, oft ist er sogar wirklich witzig. Doch am Mittwochabend war ihm nicht nach Show. Ein wenig grimmig schaute er sogar drein, als er sich in den Katakomben den Medienvertretern stellte. Zu tief saß der Stachel der Enttäuschung über die bittere 0:1-Halbfinal-Niederlage gegen Frankreich.

MÜNCHEN. "Wir haben alles versucht. Wir hatten auch einige Möglichkeiten, aber wir haben das Tor einfach nicht geschossen. Wir müssen diese Niederlage akzeptieren. Ich kann die Franzosen nur beglückwünschen", sagte er ungewohnt kurz angebunden. Doch wer will es ihm verdenken. Bei zwölf Auftritten hatte der 57-jährige Übungsleiter erstaunliche zwölf Mal in Folge gewonnen - sieben Mal mit Brasilien beim Titelgewinn 2002, fünf Mal mit Portugal bei diesem Turnier in Deutschland. Der Mann ist es nicht gewohnt, bei einer WM als Verlierer vom Platz zu gehen.

Für Scolari, in Brasilien geborener Sohn eines italienischen Einwanderers in portugiesischen Diensten, war nach mit der ersten Niederlage überhaupt bei einer WM ein Traum geplatzt. Ein Traum, den er gemeinsam mit seiner Mannschaft und einer ganzen Nation geträumt hatte. Den Traum vom Finale, an dem er seit seinem Amtsantritt im Januar 2003 so hart und bis zu diesem Abend in der architektonisch eindrucksvollen Münchener "Weißwurst"-Arena gearbeitet hatte.

Weil er erkannte, dass die Journalisten ihn damit nicht davonkommen lassen würden, geriet der Trainer der Iberer dann doch etwas ins Plaudern. "Ich glaube nicht, dass Frankreich besser war. Es war ein ausgeglichenes Spiel mit wenig Chancen und viel Mittelfeldspiel, das eigentlich keinen Sieger verdient hatte." Wer bis dahin noch nicht erkannt hatte, wie sehr Scolari, der Vater des neuen, des effektiven, des endlich erfolgreichen statt regelmäßig in Schönheit zu sterbenden Portugals, litt, bekam spätestens einen Satz später einen tiefen Einblick in seine tieftraurige Seele, als er sich die Lotterie wünschte, die eigentlich der Alptraum der meisten Fußballer ist. "Ich hätte eine Entscheidung im Elfmeterschießen besser gefunden."

Doch dazu kam es nicht. Die Portugiesen waren gescheitert am schier unüberwindbaren Defensivbollwerk von "Les Bleus" und erlebten deshalb ihr Deja-vu: Schon im EM-Halbfinale 2000 waren sie am späteren Europameister Frankreich gescheitert, auch damals durch einen verwandelten Strafstoß von Zidane.

Das "magische Dreieck" im Mittelfeld der Selecao, Deco, Figo und Cristiano Ronaldo, hatte zwar durchaus flüssig und ansehnlich das eigene Offensivspiel angekurbelt. Doch ihre Künste erschöpften sich stets bis zum entscheidenden letzten Pass. Wieder einmal wurde zum Problem, was angesichts der Torflut in der WM-Qualifikation - gemeinsam mit Tschechien erzielte die Mannschaft mit 35 Treffern die mit Abstand meisten Tore aller europäischen Teams - längst überwunden schien: Portugal fehlt der Torjäger, der "Knipser".

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