Fußball Bundesliga
Deisler: "Am Ende war ich leer, alt und müde"

Der ehemalige Nationalspieler Sebastian Deisler hat acht Monate nach seinem Karriereende sein Schweigen gebrochen und in einem sehr persönlichen Interview mit dem Fußball-Geschäft abgerechnet.

Sebastian Deisler hat acht Monate nach seinem Karriereende erstmals ein Interview gegeben und mit dem Fußball-Geschäft abgerechnet. "Es geht im Fußball sehr viel um Status, um Titel, um Ego, um Macht", sagte der 27-Jährige im Gespräch mit dem Tagesspiegel am Sonntag: "Das Geschäft hat zu schnell Besitz ergriffen von mir. Ich habe nie die Zeit gehabt zum Wachsen, nie die Zeit, erwachsen zu werden, ich hatte nicht mal die Zeit, Fehler zu machen."

Der gebürtige Lörracher galt einst als größtes deutsches Fußball-Talent. Deisler feierte 1998 bei Borussia Mönchengladbach sein Bundesliga-Debüt, es folgten die Stationen Hertha BSC Berlin und FC Bayern. Für 9,5 Mill. Euro war er 2002 von Berlin nach München gewechselt. Auf Grund starker Depressionen befand sich Deisler zweimal zu einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Deisler bestritt 36 Länderspiele und 135 Begegnung in der Bundesliga. Auf Grund von Verletzungen verpasste er die Teilnahmen an den Weltmeisterschaften 2002 in Japan und Südkorea sowie 2006 in Deutschland.

"Ich war nicht für dieses Geschäft geschaffen"

"Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich so, wie alles gelaufen ist, nicht geschaffen war für dieses Geschäft. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht", sagte der 36-malige Nationalspieler: "Ich habe so lange gekämpft gegen mich, ich habe Krieg geführt gegen mich, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe. Deswegen habe ich einen Schlussstrich gezogen."

Er habe sich lange Zeit darum bemüht, den Schein zu wahren. "Ich trug eine Maske, innerlich habe ich dagegen rebelliert." Es habe auch Phasen gegeben, in denen er versucht habe, sich über Äußerlichkeiten zu definieren.

Deisler: "Aber ich kam mir so lächerlich vor. In Berlin habe ich in meiner Wohnung gesessen, ich war bekannt in ganz Deutschland, ich war oben angekommen, und vor der Tür stand ein Mercedes. Aber das alles hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe mich gefragt, war es das jetzt? Ich war todunglücklich." Beim FC Bayern habe er versucht, in die Mitte des Spiels zu kommen, "um einen neuen Geist hereinzubringen, mehr Freude am Spiel, mehr miteinander und nicht dieses Egobetonte".

Deisler sagte, man stumpfe ab im Fußballgeschäft. "Ich kann das aber nicht. Ich lebe als Fußballer und Mensch von meiner Intuition, von meinem Gefühl." Er sei kein Mitläufertyp. "Aber ich bin auch kein Effenberg. Ich habe lange versucht, im Fußball zu überleben, wollte hart und kühl sein. Aber so bin ich nicht. Ich habe mich selbst verletzt. Ich hätte früher versuchen sollen, mich zu öffnen. Aber ich hatte Angst davor."

© SID

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