Fußball Bundesliga
Klinsmann nach 100 Tagen bereits unter Druck

Nach 100 Tagen und dem schlechtesten Saisonstart seit 34 Jahren steht Reformer Jürgen Klinsmann bereits unter Druck. Noch geben sich die Verantwortlichen aber gelassen.

Dass man die aktuelle Lage beim FC Bayern München immer am bestem im Gesicht von Uli Hoeneß ablesen kann, zeigte sich am Samstag mal wieder: Der Manager verzog sichtlich genervt das Gesicht, dabei sollte er nur ein kurzes Fazit der ersten 100 Tage von Trainer Jürgen Klinsmann beim deutschen Rekordmeister ziehen. "Ich werde erst am 30. Juni Bilanz ziehen, da ist das Geschäftsjahr zu Ende", blaffte der Bayern-Manager und verschwand.

Es bedurfte aber auch keines Kommentars von Hoeneß, um die Stimmung beim FC Bayern einzufangen. Nach 100 Tagen und etlichen strukturellen Veränderungen unter Reformer Klinsmann steht nicht nur der schlechteste Saisonstart seit 34 Jahren, sondern auch eine veritable Krise. Der Mythos FC Bayern mache gerade eine Pause, meinte Präsident Franz Beckenbauer. Anders ausgedrückt: Es brodelt beim erfolgsverwöhnten Rekordmeister, vor allem die Basis muckt auf.

Längst ist der 44-Jährige, der am Dienstag 100 Tage im Amt ist, zur Zielscheibe der Kritik geworden. Erste "Klinsmann-raus"-Rufe waren nach dem peinlichen 3:3 gegen Bochum nicht zu überhören. Erst am Sonntag sah sich deshalb Vereins-Boss Karl-Heinz Rummenigge nach einer Sitzung des Vorstands einmal mehr dazu genötigt, Klinsmann demonstrativ den Rücken zu stärken: "Wir haben totale Geduld, totales Vertrauen in Jürgen Klinsmann. Wir müssen nur in die Erfolgsspur zurückfinden."

Schon seit Wochen bitten Klinsmann, der den Sieg in der Champions League als Ziel ausgegeben hat, und seine Vorgesetzten um Geduld. Doch eine konstante Entwicklung war seitdem nicht zu erkennen. Vielmehr änderte der frühere Bundestrainer, der ansonsten als äußerst geradlinig gilt, häufig seinen Kurs - bisher ohne den gewünschten Erfolg.

Konstanz gesucht - bei Trainer und Spielern

Nach dem Absturz in der Liga auf Platz elf hat Klinsmann nun auch den Ton gegenüber der Mannschaft geändert. Erstmals griff er seine Stars öffentlich an und verdeutlichte, dass er gegen Nachlässigkeiten "relativ strikt" vorgehen wird. Man werde die Dinge mit "einer ganz anderen Entschlossenheit und mit einer direkten Erwartungshaltung gegenüber den Spielern" angehen: "Ich werde dafür sorgen, dass Konstanz reinkommt."

Ob er damit auch seine eigene Arbeit gemeint hat? Bisher glich die eher einem Zick-Zack-Kurs. Bei der System-Frage (3-5-2 oder 4-4-2) hat Klinsmann bisher genauso wenig eine schlüssige Antwort gefunden wie bei Personal-Fragen. Einmal gibt es die Rotation, dann wieder nicht.

Prominentestes Opfer ist Mark van Bommel: Erst wurde der Niederländer von Klinsmann zum Kapitän ernannt, inzwischen ist er auf die Bank verbannt worden, was mannschaftsintern durchaus kritisch gesehen wird. Auch in Bezug auf die zunächst abgeschafften und dann wieder eingeführten Hotel-Aufenthalte vor Heimspielen oder die viel diskutierten Buddha-Figuren (wurden inzwischen entfernt) fehlt eine klare Linie.

Vor allem aber ist es Klinsmann in seinen ersten gut drei Monaten nicht gelungen, seine Philosophie umzusetzen und das Team spielerisch und taktisch weiterzuentwickeln. Sein Ziel sei es, jeden Spieler, jeden Tag ein Stück besser machen zu wollen, hatte er an seinem ersten Arbeitstag am 30. Juni angekündigt.

Klinsmann fordert Geduld

Bisher gilt dies allenfalls für Ze Roberto und mit Abstrichen für Bastian Schweinsteiger. Dagegen ist derzeit etwa Torjäger Luca Toni ein Schatten seiner selbst und die Abwehr, in der vergangenen Bundesliga-Saison mit nur 21 Gegentoren noch das Prunkstück der Münchner, nur ein Torso.

Noch macht sich selbst Bundestrainer Joachim Löw um seinen ehrgeizigen Vorgänger "keine Sorgen". Doch Klinsmann weiß selbst, "dass letztendlich der Trainer seinen Kopf dafür hinhalten muss, wenn die Dinge nicht so genau umgesetzt werden, wie man sie den Spielern aufgibt".

Für seine angekündigten Korrekturen bekommt der frühere DFB-Kapitän aber weiterhin Zeit. "Die Verantwortlichen dürfen sich nicht verrückt machen lassen. Wir müssen Geduld haben und in der Winterpause analysieren, was zu tun ist", schrieb Beckenbauer am Montag in seiner Bild-Kolumne. Zumal eine vorzeitige Trennung von Klinsmann auch eine herbe Niederlage für Rummenigge und Co. wäre, die den 44-Jährigen mit einem Zwei-Jahres-Vertrag und allen Vollmachten ausgestattet haben.

Klinsmann will die Lage bei allem Frust ohnehin nicht dramatisieren: "Alle Ziele sind erreichbar. Im DFB-Pokal sind wir weiter, in der Champions League stehen wir sehr gut da und in der Bundesliga haben wir Gott sei Dank noch genügend Spiele, um die Dinge Schritt für Schritt zu korrigieren." Dies wird auch dringend nötig sein, ansonsten sind weitere 100 Tage als Bayern-Trainer eher unwahrscheinlich.

© SID

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