Fußball DFB-Pokal
Nürnberg erweckt die Legende zum Leben

"Die Legende lebt" heißt die Vereinshymne des 1. FC Nürnberg. Mit dem DFB-Pokalsieg der Franken gegen Meister VfB Stuttgart (3:2 n.V.) waren 39 Jahre Leidenszeit ohne Titel und voller Entbehrungen vorüber.

Mit dem Triumph im DFB-Pokal hat der 1. FC Nürnberg 39 Jahre voller Entbehrungen, finanzieller Drahtseilakte und enttäuschter sportlicher Hoffnungen hinter sich gelassen. Feiern mussten die "Clubberer" allerdings erst lernen: Die Spieler des 1. FC Nürnberg drehten schon eine halbe Ehrenrunde, da hatte die Siegerehrung noch gar nicht begonnen. Nach Mitternacht räumte Präsident Michael A. Roth beim großen Festbankett ein, dass er auf eine große Rede gar nicht vorbereitet sei. Die Feier selbst hinterließ dann erst recht den Eindruck, als wüsste der Verein gar nicht, oder nicht mehr, wie man es anständig krachen lässt.

Mit dem Sieg im Endspiel des DFB-Pokals hatte der Club sich selbst offensichtlich am meisten überrascht. "Wir müssen noch üben", sagte Sportdirektor Martin Bader mit einem Schmunzeln weit nach dem 3:2 (2:2, 1:1) n.V. gegen den VfB Stuttgart, der als erster Meister seit 2002 das Double verpasste. Die ausgehungerten Anhänger mussten sich da allerdings nicht angesprochen fühlen: Noch in der Nacht nach dem ersten Titelgewinn des "Ruhmreichen" seit der Meisterschaft 1968 machten mindestens 50 000 Menschen in der Nürnberger Altstadt ihrer Erleichterung und Freude enthemmt, aber anständig Luft.

"Die Legende lebt"

"Die Legende lebt", heißt die Vereinshymne des Club, wohl nie zuvor wurde sie so inbrünstig gesungen wie am Samstagabend von rund 30 000 Anhängern des neunmaligen deutschen Meisters und nun viermaligen DFB-Pokal-Siegers im Berliner Olympiastadion. "Das kann man für die ganze Region gar nicht hoch genug einschätzen", sagte der sichtlich bewegte Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly. Günther Beckstein, designierter bayerischer Ministerpräsident und ebenfalls ein Franke, mochte seine Gefühle auch nicht verbergen: "Jetzt kann man endlich wieder hoch erhobenen Hauptes durch Deutschland gehen."

39 Jahre lang dauerte der Versuch des "Eff-Ce-En", glorreiche Zeiten zu bewahren oder sie zu wiederholen. Für insgesamt 17 dieser Jahre war Michael A. Roth als Präsident verantwortlich, nicht immer traf er bei allem Herzblut glückliche Entscheidungen. Aber ohne den Teppich-Großhändler, betonte Beckstein in seiner kurzen Bankettrede zu Recht, "gäbe es den Club gar nicht mehr". Zugegebene 13 Mill. Euro Schulden belasteten den Traditionsverein noch vor fünf Jahren, Roth gab Privatkredite, bürgte - und sanierte: Jetzt, betont Bader, "haben wir sogar positives Eigenkapital".

Und der 1. FC Nürnberg hat einen Trainer, der eine Mannschaft, die im November 2005 praktisch abgestiegen war, in eineinhalb Jahren zum Pokalsieger machte. Hans Meyer steht nach außen stellvertretend für den Aufschwung, betonte aber bei aller Selbstverliebtheit auch: "Haben sie die Augen von Herrn Roth gesehen?". Meyer ist der erste Trainer, der Pokalsieger im Osten und im Westen Deutschlands wurde, seinen persönlichen Erfolg redete er allerdings umgehend klein: "Ich bin nie Meister geworden. Und ich mache das jetzt 35 Jahre, da sind insgesamt vier Titel auch nicht so toll."

Kristiansen erlöst den Club

Meyer bekräftigte auch, dass "Stuttgart in dieser Saison die beste Mannschaft war", dass dagegen zum Gewinn des Pokals schon ein wenig Glück reiche, und das habe der Club reichlich gehabt. "Man hat schon mitbekommen, dass der Liebe Gott etwas mit uns vor hat." Das mag zutreffen, allerdings hatten die Franken in der Bundesliga gegen die Schwaben auch zweimal gewonnen (3:0/4:1), der Finalerfolg schien da eine logische Konsequenz. In einem turbulenten Endspiel, das der deutsche Meister nach einem Platzverweis für Cacau schon ab der 31. Minute in Unterzahl bestreiten musste, fiel der Siegtreffer von Jan Kristiansen aber erst in der 109. Minute.

"Dieses Spiel hatte alles, außer einem Elfmeterschießen", erklärte Meyer, sein von ihm geschätzter Kollege Armin Veh sagte, dies sei eines "der besseren Endspiele gewesen". Es war in der Tat spektakulär, turbulent, verrückt. Der VfB führte durch Cacau (20.), der kurz darauf wegen einer Tätlichkeit Rot sah (31.). Marek Mintal glich aus (27.), kurz darauf trat VfB-Kapitän Fernando Meira den bis dahin überragenden Slowaken brutal vom Platz. Trotz Unterzahl konnte Stuttgart durch Pavel Pardo (80./Foulelfmeter) die Führung des Club durch Marco Engelhardt (47.) noch einmal ausgleichen.

Veh sieht über Cacaus Tätlichkeit hinweg

Die Enttäuschung beim deutschen Meister über das verpasste Double hielt sich aber erkennbar in Grenzen. "Wir werden trotzdem feiern", betonte Veh, und das gelang dem VfB im Hotel Esplanade in der Tat etwas besser als dem Club im Grand Ballroom des Ritz Carlton Hotels. Der Stuttgarter Trainer war so milde gestimmt, dass er sogar über Cacaus Tätlichkeit hinweg sah. "Er hat eine überragende Saison gespielt, ich werde ihm jetzt nicht den Kopf abreißen." Und außerdem sei diese Niederlage vielleicht sogar heilsam, "so haben wir in der nächsten Saison noch Ziele".

Beim Club, dank der Teilnahme des VfB an der Champions League schon vor dem Pokalendspiel sicher und erstmals seit 1988 wieder im Uefa-Cup vertreten, suchen die Verantwortlichen unterdessen nach der richtigen Einstellung im Umgang mit dem so unerwarteten Erfolg. "Die Ansprüche sind gestiegen, aber wir dürfen die Trauben jetzt nicht zu hoch hängen", mahnte Roth. Meyer bemerkte mit dem ihm eigenen Humor, er werde jetzt wohl zurücktreten, er sei ja am Höhepunkt angelangt, weil: "Platz sechs in der Bundesliga und Pokalsieg, mehr ist mit dieser Mannschaft nicht drin." Womöglich hat er da sogar Recht.

Nur Sportdirektor Bader blieb erst mal gelassen. "Jetzt haben wir den Höhepunkt Uefa-Cup, vorher noch Ligacup gegen Schalke. Das werden wir genießen und nicht jammern. So eine Situation macht doch Spaß." Sprachs, und verkündete mit einem spitzbübischem Grinsen: "Jetzt wird erst mal gefeiert."

© SID

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