Fußball DFB
Sammer: "Möchte neue Ideen entwickeln"

Wenige Tage vor Beginn seiner Dienstzeit als Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) stand Matthias Sammer dem Sport-Informations-Dienst (sid) in einem Interview Rede und Antwort zu seinen Planungen und Zielen.

Am Montag beginnt für Matthias Sammer ein neues Kapitel seiner fußballerischen Laufbahn, wenn er als neuer Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hauptsächlich den Nachwuchs fördern und fordern will. In einem Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) erklärte Sammer seine Ziele.

sid: "Matthias Sammer, am Montag haben Sie ihren ersten Arbeitstag als Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Mit welcher Erwartungshaltung gehen Sie in ihren neuen Job?"

Matthias Sammer: "Mein Ziel ist es, durch meine Arbeit mittel- und langfristig dem deutschen Fußball mehr Talente und eine größere Anzahl an Spitzenspielern zur Verfügung zu stellen. Zunächst geht es darum, den Ist-Zustand der DFB-Nachwuchsarbeit zu ermitteln, und dabei auch die Überlegungen darzustellen, die ich im Kopf habe. Es gibt beim DFB viele engagierte Leute in der Talentförderung, die gute Ideen haben. Gleichzeitig möchte ich mit ihnen weitere neue Ideen entwickeln."

sid: "Sie waren bislang als Vereinstrainer tätig. Können Sie kurz die wesentlichen Unterschiede zwischen der Arbeit bei einem Bundesligisten und der Arbeit bei einem Verband skizzieren?"

Sammer: "Das ist grundsätzlich natürlich nicht zu vergleichen. Die Denkweise ist eine ganz andere. In einem Klub hat man alltägliche Grenzen, beim DFB habe ich tatsächlich die Möglichkeit, neue Dinge zu entwickeln. Man kann einfach auf mehreren Feldern arbeiten und etwas aufbauen."

sid: "Cesc Fabregas hat mit Arsenal London als 18-Jähriger den italienischen Rekordmeister Juventus Turin fast im Alleingang ausgespielt, Wayne Rooney ist unumstrittener Stammspieler bei Manchester United. Dagegen haben Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger schon Probleme auf nationalem Niveau. Wie sehen Sie den deutschen Nachwuchs im internationalen Vergleich?"

Sammer: "Ich finde, man sollte mit der Beurteilung eines jungen Spielers grundsätzlich vorsichtig sein. Natürlich ist Fabregas ein außergewöhnlicher Spieler. Das konnte ich bereits sehen, als ich im Sommer bei Arsenal hospitiert habe. Aber auch er wird in ein Loch fallen, das ist bei jungen Spielern normal. Deshalb bin ich mir sicher, dass auch unsere Jungs bald wieder viel Freude bereiten. Ich habe es doch am eigenen Leib gespürt. Mit 17 stand ich bei Dynamo Dresden in der ersten Mannschaft, mit 20 saß ich dann auf einmal für eine längere Zeit auf der Bank. Das sind Erfahrungswerte, die einen jungen Spieler weiterbringen."

sid: "Wo liegen die Defizite im Nachwuchsbereich?"

Sammer: "Man muss zunächst an der Basis arbeiten. Da gibt es für mich drei Förderstufen. Da geht es zunächst um die Förderung der 6- bis 12-Jährigen, anschließend um die C- bis A-Jugendlichen, wo eine Spezialisierung einsetzen muss, und schließlich um den Übergang vom Junioren- in den Männerfußball. Außerdem muss zukünftig der Fußball in der Schule eine größere Rolle spielen."

sid: "Wie lautet die Zauberformel, damit wir in Zukunft wieder bessere Fußballer haben?"

Sammer: "Die Kinder und Jugendlichen müssen wieder mehr spielen. Es wird viel zu wenig Fußball gespielt. Es muss immer Spaß und Motivation vorhanden sein, damit die Freude am Leben erhalten bleibt. Unsere Jugend leidet an Bewegungsmangel, der Straßenfußball spielt fast keine Rolle mehr. Den Kindern fehlt der Ausgleich. Und es kann auch nicht sein, dass maximal zwei Mal pro Woche Schulsport auf dem Programm steht und davon oft noch eine Stunde ausfällt. Das ist kontraproduktiv. Dabei vermittelt gerade der Sport die Werte, die heute immer mehr in den Hintergrund rücken: Leidenschaft, Ehrgeiz, Besessenheit. Und der Fußball als Mannschaftssport vermittelt zudem Werte wie Teamgeist oder Respekt. Die Vermittlung dieser Werte ist ins Abseits geraten, es darf besonders für die Kleinen im Fußball nicht nur das Ergebnis zählen. Wichtig wäre zum Beispiel auch das Spielen auf dem Kleinfeld, etwa drei gegen drei oder fünf gegen 5."

sid: "International sind die Erfolge bei den Bundesligisten zuletzt ausgeblieben. Auch die Nationalmannschaft konnte bis auf den Confederations-Cup nicht restlos überzeugen. Glauben Sie, dass der Fußball-Boom in Deutschland auch nach der WM noch anhält?"

Sammer: "Das wird sicher auch stark vom Erfolg bei der WM abhängen. Aber ich denke, durch die Komfortsituation in den neuen Stadien und die Identifikation der Fans mit ihren Vereinen wird die Begeisterung in den kommenden Jahren am Leben erhalten. Ich werde ganz sicher versuchen, auch einen Teil dazu beizutragen."

sid: "Wie würden Sie heute das Verhältnis zu Jürgen Klinsmann beschreiben, nachdem der Bundestrainer ja zunächst Bernhard Peters als Sportdirektor favorisiert hatte?"

Sammer: "Wir haben uns ausgesprochen und damit ist das Thema auch erledigt. Unser Verhältnis ist von absoluter Loyalität geprägt. Zudem habe ich ja mehrfach betont, dass ich kein Interesse an seinem Job habe. Ich werde auch während der WM nicht bei der Mannschaft sein, sondern neue Trends beobachten, die bei einer WM immer zum Vorschein kommen."

© SID

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