Fußball
Die WM weckt große Erwartungen

Die Weltmeisterschaft ist eine große Chance für Südafrika. Das gebeutelte Land erhofft sich nachhaltige Impulse für die Wirtschaft. Aber: Welche ökonomischen Effekte kann eine Sportveranstaltung eigentlich haben? Wissenschaftler streiten darüber. Ein Blick auf vergangene Events könnte die Erwartungen bremsen.

BERLIN. Wenn die Nationalelf am Samstag in Leverkusen gegen Südafrika spielt, begehen die Fans in beiden Ländern das Ereignis auf ganz unterschiedliche Weise. Der typische Deutsche wird um 20.45 Uhr das ZDF einschalten und dabei allein oder in einer kleinen Gruppe vor dem Fernseher sitzen, Bier trinken und Chips essen. Der durchschnittliche Südafrikaner hingegen schaut in größerer Gesellschaft – ein Fußballspiel ist am Kap oft der Anlass für eine Feier, mit gutem Essen und vielen Getränken. Weil kulturelle Differenzen meist auch ökonomische Effekte haben, ließe sich in diesem Fall festhalten: 1:0 für Südafrika.

Das Konsumverhalten der Bevölkerung während Fußballspielen ist einer der Aspekte, mit denen Wissenschaftler die Frage beantworten: Welchen wirtschaftlichen Nutzen haben Sportveranstaltungen? 2006 bei der WM in Deutschland beobachteten sie einen „Couch Potato Effect“ – die Einheimischen gaben weniger Geld aus als gewöhnlich. Denn trotz Jubelbildern von den Fanmeilen saßen sie mehrheitlich zuhause auf dem Sofa, ernährten sich billig und verschwendeten, abgelenkt durch den Fußball, keine Gedanken an größere Anschaffungen. Das Ergebnis: Der Einzelhandel musste nicht nur auf den erwarteten Zuwachs verzichten. Daten des Statistischen Bundesamts zufolge gingen die Umsätze sogar zurück.

Der Handel fügte sich in den Gesamttrend. Hoteliers und Gaststättenbesitzer profitierten kaum, der Arbeitsmarkt stagnierte. Die WM 2006 ähnelte so allen sportlichen Großereignissen der letzten Jahrzehnte. Nie bewahrheitete sich in Wirklichkeit der zuvor erhoffte Aufschwung. Vor 2006 war die Rede von einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um bis zu 0,5 Prozent – am Ende konstatierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung gerade mal Auswirkungen im Bereich um 0,2 Promille.

Die WM 2010 könnte andere Zahlen produzieren, denn zum ersten Mal findet das Turnier in einem Schwellenland statt. Südafrikas Wirtschaft ist rund 13 Mal kleiner als die von Deutschland – da wiegen die von der Regierung in Pretoria veranschlagten 3,5 Mrd. Euro für Stadien und Infrastruktur verhältnismäßig schwerer als die ähnlich hohen Investitionen der Bundesregierung für das Event in 2006. Entsprechend dürften sich auch andere Größen wie die Einnahmen aus dem Tourismus prozentual stärker auswirken. Für Wolfgang Maennig, Wirtschaftsprofessor an der Universität Hamburg, steht jedoch auch in diesem Fall fest: „Mit einer WM oder Olympia verdient man kurzfristig kein Geld.“

Wichtiger sind für ihn weiche Faktoren und langfristige Effekte. Maennig hat für 2006 unter anderem den „feel good factor“ in der Bevölkerung untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass „sozialer Zusammenhalt und Bürgerstolz“ durch die WM dauerhaft zugenommen haben.

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