Fußball EM
Deutschland verpasst den Sprung auf Europas Thron

Die deutsche Nationalmannschaft hat das Finale der Euro 2008 verloren und den vierten EM-Triumph verpasst. Durch ein Tor von Fernando Torres gewann Spanien in Wien mit 1:0 (1:0).

Am letzten Anstieg zum Gipfel ist die deutsche Nationalmannschaft bei ihrer Bergtour 2008 gescheitert und hat damit den ersten großen Titel seit 1996 verpasst. Durch ein 0:1 (0:1) im Finale der Euro 2008 gegen Spanien vergab die DFB-Auswahl in Wien die historische Chance, zum vierten Mal nach 1972, 1980 und 1996 die EM-Trophäe zu gewinnen. DFB-Kapitän Michael Ballack, der seine Wadenprobleme rechtzeitig überwunden hatte, griff schon zum zehnten Mal in seiner Karriere an einem Siegerpokal vorbei.

Die über weite Strecken klar überlegenen Spanier konnten vor den Augen ihres Königs Juan Carlos dagegen dank eines Treffers von Fernando Torres (33.) ihren ersten Titel bei einem großen Turnier seit der EM 1964 bejubeln und bereiteten ihrem Trainer Luis Aragones einen traumhaften Abschied. Der 69 Jahre alte Coach beginnt im Juli seinen neuen Job beim türkischen Spitzenklub Fenerbahce Istanbul. Dort dürfte ihm ein begeisterter Empfang sicher sein.

Eher gedämpfte Stimmung droht dagegen am Montag in Berlin zu herrschen: Dort muss sich die deutsche Mannschaft am Nachmittag den Anhänger wie zwei Jahre zuvor nach der WM ohne Trophäe präsentieren. Angeführt von "Capitano" Ballack wird die DFB-Auswahl zum dritten Mal nach 1976 und 1992 nur als EM-Zweiter erscheinen können. Joachim Löw verpasste die Chance, als zweiter Bundestrainer nach Jupp Derwall (EM 1980) gleich sein erstes Turnier zu gewinnen.

DFB-Team im Angriff ideenlos

Die Niederlage war trotz der leidenschaftlichen, aber ideenlosen Bemühungen um den Ausgleich in der zweiten Halbzeit berechtigt. Nach der Pause waren die Spanier unter anderem bei Chancen von Sergio Ramos (67.), Andres Iniesta (68.) und Marcos Senna (82.) dem zweiten Treffer näher als die Deutschen dem Ausgleich, vergaben aber selbst allerbeste Einschussmöglichkeiten leichtfertig und vergaßen, für die endgültige Entscheidung zu sorgen.

Unter dem Strich muss die deutsche Nationalmannschaft, bei der zur Halbzeit Philipp Lahm wegen einer Risswunde am linken Spann in der Kabine bleiben musste, mit dem zweiten Platz mehr als zufrieden sein. Schon im letzten Gruppenspiel gegen Österreich hatte wie bei den vorangegangenen Turnieren 2000 und 2004 das Aus gedroht. Nach den Siegen über Portugal und die Türkei (jeweils 3:2) wurden der DFB-Auswahl im Endspiel ihre Grenzen aufgezeigt.

Spanier überzeugen in allen Partien

Die Spanier, die als einziger Sieger einer Vorrundengruppe das Viertelfinale überstanden hatten, gewannen auch ihr sechstes Spiel bei der Euro verdient. Bei den schnellen und präzisen Kombinationen der "Roten Furie" kamen die deutschen Spieler häufig einen Schritt zu spät. Entlastung nach vorne gab es nur selten. Dem Aufbauspiel der DFB-Auswahl mangelte es an Ideen.

Dabei hatte Löw in seinem ersten Endspiel als Bundestrainer seine Bestbesetzung auf den Rasen des Ernst-Happel-Stadions schicken können - also auch Ballack. "Er ist am Morgen aufgewacht und hat keine Beschwerden mehr verspürt", berichtete Teammanager Oliver Bierhoff vor dem Anpfiff und versicherte: "Michael ist topfit und hundertprozentig einsatzbereit."

Ballack biss sich durch, war aber wenig effektiv. In der 36. Minute musste er nach einem Zusammenprall mit Senna wegen einer Platzwunde an der Seitenlinie behandelt werden. Unter seiner Führung hatte die deutsche Mannschaft zunächst noch forsch begonnen und versucht, die Spanier unter Druck zu setzen. So ergab sich auch eine gute Chance: Bastian Schweinsteiger erkämpfte den Ball, nach seinem Pass auf Miroslav Klose kam dieser jedoch nicht zum Abschluss (3.).

Die Spanier begannen wie erwartet ohne Torjäger David Villa, der sich im Halbfinale gegen Russland (3:0) verletzt hatte. Für ihn beorderte "Trainer-Opa" Aragones Cesc Fabregas diesmal gleich in die Anfangsformation. Wie in den Begegnungen zuvor kam der Europameister von 1964 ein wenig zäh ins Spiel, der Respekt vor der DFB-Auswahl war unübersehbar - aber auch schnell abgelegt.

Torres immer wieder brandgefährlich

Nachlässigkeiten im Stellungsspiel der deutschen Mannschaft nutzen die Spanier mit ihren chirurgisch präzisen Pässen sofort aus. In der 14. Minute etwa schickte Xavi einen Ball durch die deutsche Abwehr auf Iniesta: Dessen scharfe Hereingabe lenkte Christoph Metzelder beinahe ins eigene Tor, doch Torhüter Jens Lehmann verhinderte mit einer Glanzparade einen Rückstand.

Wenig später wäre Lehmann dann chancenlos gewesen, er hatte aber Glück, dass nach einer Flanke von Fabregas und einem Kopfball von Fernando Torres der Pfosten rettete. Vorausgegangen war einer jener überfallartigen Attacken, mit denen die Spanier im Verlauf des Turniers die gegnerischen Abwehrreihen oft spielerisch leicht aus den Angeln gehoben hatten.

Die Spanier kamen nun zusehends in Fahrt, die deutsche Abwehr stand unter Dauerstress und war diesem nur unzurechend gewachsen. In der 33. Minute wurden die Unachtsamkeiten dann auch bestraft: Torres nutzte nach einem Pass von Fabregas ein Missverständnis von Lahm und Lehmann aus und vollendete im Stile eines Torjägers zur verdienten Führung für die Spanier.

Die deutsche Mannschaft versuchte sich danach aufzubäumen, scheiterte aber am Kombinationsfluss der Spanier, die weiter mit beeindruckender Sicherheit Ball und Gegner laufen ließen und nur das Toreschießen vergaßen. Mit den wenigen Angriffen der DFB-Auswahl wurde die beste Abwehr der Euro 2008 meist problemlos fertig. Größte Chance, noch einmal ins Spiel zurückzukommen, war ein Schuss von Ballack ans Außennetz (60.).

© SID

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