Fußball EM
DFB-Team greift gegen Spanien nach dem EM-Triumph

Die deutsche Nationalmannschaft will sich heute (20.45 Uhr) in Wien gegen Spanien den EM-Titel sichern. Auf Seiten des DFB-Teams ist der Einsatz von Michael Ballack fraglich.

Schwerer Rückschlag am letzten Anstieg der "Bergtour": Michael Ballack droht beim geplanten Sturm der deutschen Nationalmannschaft auf den europäischen Fußball-Gipfel wegen einer Muskelverletzung in der rechten Wade nicht zur Verfügung zu stehen. Als "völlig offen" hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Samstagabend einen Einsatz des Kapitäns im Endspiel der Euro 2008 heute in Wien (20.45 Uhr/live in der ARD) gegen Spanien bezeichnet.

Borowski könnte Ballack ersetzen

"Ich habe Michael Ballack grundsätzlich nicht abgeschrieben", betonte Bundestrainer Joachim Löw am Samstagabend, bekannte jedoch auch: "Wir müssen uns ernsthafte Gedanken darüber machen, wenn er nicht spielen kann." Als Alternative käme für Löw der Noch-Bremer Tim Borowski infrage, der schon im Eröffnungsspiel der WM 2006, als der DFB-Kapitän ebenfalls wegen einer Wadenverletzung ausfiel, in die Bresche sprang. "Auch Bastian Schweinsteiger" sei eine Option.

Die medizinische Abteilung des DFB muss im Hotel NH-Danobe in Wien nun ganze Arbeit leisten, erst kurz vor dem Endspiel wird sich entscheiden, ob Ballack antreten kann. "Es besteht eine Chance, auch wenn sie nicht sehr groß ist", bekannte Löw wenig optimistisch, gab sich allerdings kämpferisch: Falls Ballack ausfallen sollte, werde eben ein anderer Spieler diese Position übernehmen. "Wir müssen mit dieser Situation klarkommen, und das werden wir."

"Es besteht Hoffnung"

Ballack klagt seit Freitagmorgen über die Beschwerden. Er fehlte deshalb bereits am Freitagabend beim letzten Training der deutschen Mannschaft im Schweizer EM-Quartier in Tenero. Auch die letzte Übungseinheit vor dem Endspiel im Ernst-Happel-Stadion musste er am Samstagabend auslassen. Ballack blieb zur Behandlung im Hotel. "Er war trotz allem sehr optimistisch und nicht niedergeschlagen", ließ Löw wissen. "Es besteht Hoffnung, denn es ist weder etwas gerissen, noch etwas richtig kaputt", sagte Ballack-Berater Michael Becker dem sid.

Trotz des Rückschlags wollte sich Löw am Vorabend des Endspiels nicht aus der Fassung bringen lassen und nicht im Vorfeld nach einem Alibi suchen. "Ich erwarte selbstverständlich einen Sieg im letzten Spiel", sagte er. Dass der Ausfall des Kapitäns dennoch Auswirkungen hätte, wollte unterdessen Thomas Hitzlsperger erst gar nicht bestreiten: "Er ist ein Anführer dieser Mannschaft, und das ist das, was wir im Endspiel brauchen."

Am Samstagmittag war die deutsche Nationalmannschaft mit dem angeschlagenen Ballack an Bord mit einem Charterflieger der Darwin Airline zum Endspielort Wien geflogen. Dort soll die an Tücken und Beinahe-Abstürzen reiche Bergtour 2008 mit dem vierten EM-Triumph nach 1972, 1980 und 1996 abgeschlossen werden. Nun allerdings fehlt womöglich in der Seilschaft zum Gipfel in "Bergführer" Ballack der unbestritten wichtigste Mann.

"Wille kann Berge versetzen"

Für DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach ware es "ein Drama, würde er ausfallen", aber verloren sei das Endspiel deswegen noch lange nichts: "Die Mannschaft ist stark genug, es zu schaffen, auch wenn der Kapitän fehlt. Der Wille kann manchmal Berge versetzen."

Ähnlich denkt auch DFB-Präsident Theo Zwanziger. Vor dem Abendessen am Samstag hatte er eine emotionale Rede angekündigt. Zwanziger unterstrich bereits vorab die historische Chance für die DFB-Auswahl, die letztmals vor zwölf Jahren nach der EM in England einen Pokal in die Höhe strecken konnte: "Wir können nach langer Zeit wieder etwas Großartiges leisten. Wir waren beim letzten Mal Weltmeister der Herzen. Ich würde mich freuen, wenn wir diesmal Europameister werden würden ohne zusätzlichen Titel."

Auch für "Kaiser" Franz Beckenbauer hängt freilich viel von Ballack ab. "Spanien hat fantastische Einzelspieler wie Fabregas, aber: Sie besitzen keinen Chef auf dem Platz, keinen echten Kapitän. Michael Ballack kann den Unterschied ausmachen, wenn er wie gegen Portugal von der ersten Minute an mit seiner Körpersprache zeigt: Ich bin da! Wer Deutschland schlagen will, muss mich erst einmal bezwingen." Nun bleibt Ballacks Präsenz erst einmal fraglich.

"Wir sind bereit für den letzten Schritt"

Ehe Ballack sich erst einmal für Samstag dienstunfähig meldete, hatte er sich selbstbewusst und optimistisch geäußert. "Wir sind bereit für den letzten Schritt", sagte der 31-Jährige. Dieser Schritt soll aber auch ohne ihn gelingen, versicherte Bundestrainer Löw: "Jetzt stehen wir im Finale, und selbstverständlich werden wir jetzt noch einmal alle Kräfte mobilisieren, um den Cup auch mit nach Deutschland zu nehmen" - und ihn am Montag in Berlin präsentieren zu können.

Auch bei einem Ausfall von Ballack setzt Löw, der mit seinem Team auf der Tribüne unter anderem von Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann angefeuert wird, also erneut auf eine Defensive mit zwei "Sechsern" (Torsten Frings/Hitzlsperger) vor der Viererkette. Wird die Position von Ballack von Borowski eingenommen, müsste sonst nichts verändert werden. Rückt Schweinsteiger in die Mitte, wäre die rechte Seite im Mittelfeld vakant.

"Ich verspüre keinen Druck"

Angesichts dieser Gedanken rücken andere erst einmal in den Hintergrund: Löw kann sich in den Annalen verewigen, wenn er erst als zweiter Bundestrainer nach Jupp Derwall (1980) bei seinem ersten Turnier gleich den Titel holt. "Daran denke ich nicht. Ich verspüre auch keinen Druck", sagte der 48-Jährige. Mit "Spaß, Freude und Begeisterung" will er den letzten Anstieg will - auch wenn Ballack ausfallen sollte.

© SID

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