Fußball EM
Storck: "Für uns geht es nur darum zu lernen"

Kasachstans Nationaltrainer Bernd Storck will den großen Favoriten Deutschland im EM-Qualifikationsspiel am Dienstag ärgern. Storck: "Für uns geht es nur darum zu lernen."

Bernd Storck, Nationaltrainer von Kasachstan, im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) über Lehrstunden, eine starke DFB-Elf und seine Zukunftsplanung in der Stadt der Diplomaten.

SID: "Am Dienstag treten Sie gegen Ihr Heimatland an. Wie bewerten Sie die Chance auf eine Überraschung des 126. gegen den Dritten der Weltrangliste?"

Bernd Storck: "Für uns geht es nur darum zu lernen. Das ist eine wunderbare Möglichkeit für meine Spieler, sich weiterzuentwickeln. Wir bekommen von einer der besten Mannschaften der Welt Anschauungsunterricht auf höchstem Nivau. Für mich ist Deutschland der klare Favorit in dieser Gruppe und vielleicht derzeit die beste Mannschaft der Welt, sogar noch einen Tick besser als Weltmeister Spanien."

SID: "Muss die deutsche Mannschaft damit rechnen, dass sich Ihr Team nach drei Niederlagen mit 0:7 Toren am eigenen Strafraum einigelt?"

Storck: "Das werden wir nicht machen. Wir wollen Deutschland so lange es geht ärgern und selbst in der Offensive Nadelstiche setzen. Ich weiß, dass das sehr schwer wird, aber wir haben auch beim unglücklichen 0:2 gegen Belgien viele Chancen gehabt."

SID: "Was erwartet die Mannschaft von Joachim Löw in der Astana Arena?"

Storck: "Das ist ein sehr schönes Stadion mit einem guten Kunstrasen. Zudem wird das Dach geschlossen. Von der Atmosphäre wird es nicht so prickelnd wie in Berlin. Gegen Belgien waren 9 000 der 30 000 Plätze besetzt. Das liegt daran, dass sich der durchschnittliche Kasache keine Eintrittskarte erlauben kann, die ein Zehntel seines Monatslohns kostet."

SID: "Wie sind die Arbeitsbedingungen in Kasachstan?"

Storck: "Grundsätzlich gut, aber mit Deutschland oder anderen europäischen Ländern nicht zu vergleichen. Wir haben zum Beispiel nur ein Leistungszentrum, und das bei einem Zweitligisten. Ansonsten haben wir eine Liga mit zwölf Mannschaften, aber nur sechs davon haben einen Coach mit einer von der Fifa anerkannten Trainerlizenz. Holger Fach ist als Coach von Lokomotive Astana eine absolute Bereicherung. Gute Vereinstrainer sind für mich als Nationalcoach immens wichtig. Wir haben einiges auf den Weg gebracht, wobei uns die Kooperation mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) sehr hilft."

SID: "Wie schätzen Sie die Professionalität Ihrer Spieler ein?"

Storck: "Die Mentalität der Spieler unterscheidet sich gehörig von der uns aus Deutschland bekannten. Die Familie hat in Kasachstan einen sehr viel höheren Stellenwert. Das ist eigentlich eine gute Sache, für die fußballerische Entwicklung aber nicht so gut. Die Spieler wechseln beispielsweise nur sehr selten den Verein, bleiben selbst bei einem lukrativeren Angebot ihrem Klub treu. Sie sind sehr heimatverbunden, heiraten oft sehr früh und leben mit ihren Frauen und Kindern weiter bei den Eltern. In Heinrich Schmidtgal von Rot Oberhausen-Weiß und Sergej Karimow vom VfL Wolfsburg, der diesmal fehlt, stehen mir nur zwei echte Profis zur Verfügung. Wichtig ist aber, dass meine Spieler nicht mehr vor Ehrfurcht erstarren, wenn sie auf einen großen Gegner treffen."

SID: "Können Sie dennoch Ihre sportlichen Ziele mit dieser Mannschaft verwirklichen?"

Storck: "Unser Fernziel ist die Teilnahme an der EM 2016 in Frankreich. Das betrachte ich als realistisch, da ich seit meinem Amtsantritt im Januar 2009 gute und regelmäßige Fortschritte sehe. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Geduld ist in diesem Land aber keine große Stärke, auch nicht bei den Medien. Zum Glück wissen zumindest die entscheidenden Leute beim Verband, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis wir unsere Ziele höher stecken können. Unser Verbandspräsident ist auch der Verteidigungsminister von Kasachstan, er hat großen Einfluss."

SID: "Am Ende des Jahres läuft Ihr Vertrag aus. Können Sie sich vorstellen, in Kasachstan zu bleiben?"

Storck: "Ich bin nach Kasachstan gekommen, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Ich würde gerne bleiben und irgendwann die Früchte unserer Arbeit auch ernten."

SID: "Wie lebt es sich in Kasachstan?"

Storck: "Ich fühle mich sehr wohl. Ich wohne auch nicht in Astana, sondern in der früheren Hauptstadt Almaty und dort etwas abseits in den Bergen auf 1 200 Metern Höhe mit viel Wald und Seen in der Nähe. Im Winter kann man dort sogar Ski fahren. Astana ist eine Stadt für Diplomaten, Wirtschaftsmanager und Regierungsangestellte, denen es auch finanziell gut geht. Das hat mit der Realität der normalen Kasachen aber wenig zu tun. Die Menschen hier sind sehr gastfreundlich und äußerst charmant. Ich lebe in der Regel drei Wochen im Monat hier und bin dann eine Woche in Berlin bei meiner Familie."

SID: "Welchen Stellenwert hat der Fußball in Kasachstan?"

Storck: "Eishockey und Radfahren stehen an Nummer eins und zwei, dann kommt erst der Fußball. Vor allem bei jungen Menschen verzeichnen wir aber einen großen Zuwachs."

© SID

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