Fußball für die Reichen
Champagner und Garnelen

Sich einmal fühlen wie die Reichen und Mächtigen: In allen zwölf WM-Stadien konnten Fans mit so genannten "Hospitality"-Tickets das Rundum-Verwöhn-Programm gleich mit buchen. Fußball und Luxus sind in dieser Welt keine Gegensätze. Ein Blick hinter die Kulissen.

HB BERLIN. Draußen in der brütenden Sommerhitze mischt sich Jazzmusik mit dem Plätschern eines Springbrunnen. Im Zelt ist es angenehm kühl, es gibt Kalbsfilet, Lachs und frisches Bier. Wer im Berliner Olympiastadion während der WM-Spiele schlemmen geht, hat vorher eine Einladung bekommen, entweder von einem der WM-Sponsoren oder von seinem Chef. Hostessen in kurzen Kleidchen kontrollieren freundlich, aber mindestens so gründlich wie am Flughafen, ob die Gäste auf der Liste stehen, und verteilen Bänder fürs Handgelenk. 25 000 Flaschen Champagner und zwei Tonnen Garnelen, 4000 Hostessen und 5000 Köche: Das sind die Größenordnungen in der feinen Welt des Fußballs. Die echten VIPs wie Angela Merkel und Franz Beckenbauer sitzen dabei auf den unverkäuflichen Plätzen der Ehrentribüne. In allen zwölf WM-Stadien wurden aber exklusive "Hospitality"-Tickets mit Rundumbetreuung angeboten - für alle, die sich wie eine VIP fühlen wollen.

Fast am schnellsten vergriffen war im Olympiastadion die "Sky-Box" mit zehn Plätzen für sechs Spiele inklusive Finale für 180 000 Euro. Wie viele "Hospitality"-Pakete verkauft wurden, will der Anbieter ISE nicht verraten. "Die WM läuft gigantisch, und wir sind auch gut mit dabei", sagt Sprecher Peter Csanadi. ISE hatte für rund 170 Millionen Euro die Vermarktungsrechte vom Weltfußballverband FIFA für etwa 350 000 Plätze gekauft, einige zehntausend aber wieder zurückgegeben. Der Münchner Gastronom Michael Käfer, einer der Hauptversorger der WM, hat alle Hände voll zu tun - es ist der größte Auftrag in der Firmengeschichte. Bei 20 Spielen war Käfer schon im Stadion im Einsatz. Vom Fußball hat er aber kaum etwas gesehen - bis auf den Elfmeter, mit dem Francesco Totti Italien ins Viertelfinale schoss. Seine Stunden haben während der WM 45 Minuten, erzählt Käfer. "Bei uns ist eine Halbzeit furchtbar kurz."

Käfer und seine an Spitzentagen bis zu 2000 Mitarbeiter müssen pünktlich zu den Pfiffen der Schiedsrichter Lammcarree mit Senfkräuterkruste, Kingfischfilet mit Zitronenpfeffer und eiskalte Gazpacho auftischen. Wie draußen an der Fankurve werden auch Bouletten und Würstchen serviert, ein bisschen nobler zubereitet. "Beim Fußball schmecken nur normale Dinge", sagt Käfer. Der russische Multimillionär Roman Abramowitsch, Besitzer des FC Chelsea, sei Stammgast in den "Sky-Boxes" - und begnüge sich mit Brezeln und grünem Tee.

Für Franz Beckenbauer, der mitten im WM-Trubel heiratete, hat der Münchner Gastronom gerade eine kleine Hochzeitstorte gebacken. Laut Käfer gibt es bei der WM kaum einen Prominenten, der sich die Spiele im Stadion entgehen lässt, von Thomas Gottschalk bis zu den Klitschko-Brüdern. Die Begeisterung sei überall, auch auf den teuren Plätzen, hat er beobachtet. ISE-Sprecher Csanadi stört die Gegenüberstellung, "da sind die Fans und da sind die Reichen im Stadion. Der Jubel in den Lounges ist genauso laut wie überall." Bewirtet werden die geladenen Gäste von Hostessen, die so hübsch aussehen, als hätten sie ein knallhartes Casting hinter sich. Ein Traumjob ist es aber nicht, auch wenn bei den Olympischen Spielen 1972 in München eine deutsche Hostess namens Silvia Sommerlath ihren Ehemann kennen lernte und so Königin von Schweden wurde. In einem Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" plauderte eine der VIP-Betreuerinnen anonym aus dem Nähkästchen. Essen, Trinken, Kaugummi kauen und Telefonieren sind demnach während der Arbeit tabu, Beckenbauer nach einem Autogramm zu fragen sowieso. Ein ernüchternder Bericht: "Die prominenteste Person, die ich begrüßen darf, ist Bonnie Tyler. Kein Thronanwärter weit und breit."

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