Fußball in den USA
Die geschlossene Gesellschaft

Von Klinsmann kritisiert, bei den Fans beliebt: Die Major League Soccer, höchste Fußballliga der USA, ist auf Wachstumskurs. Das Saisonfinale verspricht Spannung – die Probleme des Sports kann es aber nicht kaschieren.
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New YorkClint Dempsey muss draußen bleiben. Wenn am Samstagabend im kanadischen Toronto das Endspiel der nordamerikanischen Fußballliga Major League Soccer (MLS) steigt, kann der Stürmer nicht für seinen Arbeitgeber Seattle Sounders gegen den Toronto FC auflaufen; Dempsey plagen Herzprobleme, der Muskel schlägt unregelmäßig.

Statt an der Seite seiner Mitspieler um die wichtigste Trophäe im US-Vereinsfußball zu kämpfen, sorgt sich der 33-jährige Dempsey nicht nur um den Fortgang seiner Karriere – der Zustand des kranken Organs ist lebensbedrohlich. Es scheint eine Ironie des Schicksals: schließlich kam die Laufbahn des 130-fachen Nationalspielers nur deshalb in Schwung, weil ein anderes Herz vor 21 Jahren aufhörte zu schlagen. Das Herz seiner Schwester Jennifer.

Die Geschichte von Clint Dempsey erzählt eine Familientragödie – und viel über das Fußballsystem in den USA. Der Stürmer entstammt einer armen Familie, wuchs in einer Wohnwagen-Siedlung am Rande der texanischen Kleinstadt Nacogdoches auf. Schon in jungen Jahren war sein Talent am Ball offensichtlich, doch eine Profikarriere schien trotzdem unrealistisch.

Der Grund: Die Eltern konnten dem Sohn nicht dauerhaft den Mitgliedsbeitrag für die nächstgelegene Nachwuchsakademie bezahlen, in Dallas, drei Autostunden entfernt; das geringe Vermögen der Dempseys wurde bereits von Clints großer Schwester Jennifer beansprucht, einer ambitionierten Jugend-Tennisspielerin. Bis diese plötzlich verstarb, 1995, mit 16 Jahren; in ihrem Gehirn war ein krankhaft erweitertes Blutgefäß gerissen.

So fiel die sportliche Hoffnung der Familie wieder auf Clint, einem traumatisierten Jungen von zwölf Jahren. Fortan fuhren ihn die Eltern wieder regelmäßig nach Dallas. 2004 unterschrieb Dempsey seinen ersten Profivertrag, bei New England Revolution in der MLS.

Das System, das Clint Dempsey als Fußballer durchlief, beschrieb Jürgen Klinsmann, der kürzlich geschasste Nationaltrainer und technische Direktor vom Fußballverband US Soccer, einst als Inverted Pyramid, als umgekehrte Pyramide. Es ist eine Struktur, die eigentlich keinen Platz hat für Menschen wie Dempsey. Denn statt einer breiten Basis – wie bei einer normalen Pyramide -, aus der sich nach und nach eine kleine Elite herausbildet, scheint die Situation im amerikanischen Fußball umgekehrt: bereits der Zugang zum Sport ist limitiert.

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