Fußball Italien
Auf WM-Jubel folgt der Schockzustand in Italien

Die Freudentränen in Italien haben sich in Trauer und Wut verwandelt. Nach den Urteilen im Manipulationsskandal befindet sich das Land im Schockzustand, während sich bei den Traditionsvereinen Entsetzen breit macht.

Die Jubelorgien in Italien sind sechs Tage nach dem WM-Triumph verhallt. Die Urteile im Manipulationsskandal haben das Land, aber besonders die betroffenen Klubs in einen kollektiven Schockzustand versetzt. Rekordmeister Juventus Turin, Lazio Rom und der AC Florenz wurden in die zweite Liga zwangsversetzt, der AC Mailand darf in der kommenden Saison keine Champions League spielen - bei den Traditionsvereinen machte sich Entsetzen breit, auch wenn noch ein Hoffnungsschimmer bleibt. Alle Klubs kündigten an, in die Berufung zu gehen.

"Urteil ist unannehmbar"

"Dieses Urteil ist unannehmbar", erklärte der neue Juventus-Präsident Giovanni Cobolli Gigli sichtlich geschockt: "Mit 30 Minuspunkten zu Beginn der Saison ist es unmöglich, im nächsten Jahr wieder aufzusteigen." Fiorentina-Boss Diego della Valle war ähnlich bestürzt: "Der Prozess war unfair. Allein die große Hektik hat ihn verzerrt."

Seine ganz eigene Sicht der Dinge hatte mal wieder Milan-Präsident Silvio Berlusconi. "Sie lassen uns in der Serie A. Das heißt, wir sind nicht schuldig. Es ist ein sinnloses Urteil. Natürlich legen wir Einspruch ein", meinte der ehemalige Regierungschef.

Lazio-Fans protestieren

Kurz nachdem Richter Cesare Ruperto am Freitagabend die Urteile im noblen Römer Hotel Parco dei Principi verlesen hatte, versammelten sich bereits Lazio-Fans vor dem Gebäude und protestierten lautstark gegen die Urteile. In Florenz legten verärgerte Tifosi teilweise den Verkehr lahm.

In Turin postierten sich schockierte Fans vor der Juve-Zentrale. Die Aberkennung der Meistertitel der vergangenen beiden Jahre war für die Anhänger der "alten Dame" noch das geringste Problem. Am Montag soll es in Florenz eine konzentrierte Protestaktion aller Tifosi geben, zu der mehrere tausend Menschen erwartet werden.

"Der italienische Fußball erlebt die schwierigste Phase seiner Geschichte", schrieb Tuttosport am "Morgen danach", und die Corriere della Sera ist sich sicher: "Das ist das Ende der Spitzenklubs. Der italienische Fußball wird mindestens zwei Jahre brauchen, um sich von diesem Skandal zu erholen. Jetzt haben die Kleinen eine große Chance."

Nach derzeitigem Stand der Dinge starten Inter Mailand, AS Rom, Chievo Verona und US Palermo in der kommenden Saison für Italien in der Champions League. Die ursprünglichen Absteiger FC Messina, US Lecce und Treviso FBC dürfen weiter in der Serie A spielen. Es sei denn, in der Berufung werden die Urteile noch einmal revidiert. Dieser Prozess soll bereits in der kommenden Woche abgewickelt werden, denn bis zum 25. Juli muss der Europäischen Fußball-Union (Uefa) die endgültige Liste aller Starter in den internationalen Wettbewerben vorliegen.

Capello: "Niveau des Calcio wird sinken"

Während Ministerpräsident Romano Prodi das Urteil ausdrücklich begrüßte, sehen zahlreiche Experten schwere Zeiten auf den Fußball in Italien zukommen. "Das Niveau des Calcio wird sinken. Der Schaden ist enorm", sagte Fabio Capello. Der Erfolgscoach hatte am 4. Juli das sinkende Juve-Schiff verlassen und kurz darauf seinen Dienst bei Real Madrid angetreten.

Nicht zuletzt deshalb gilt der spanische Rekordmeister auch als erste Anlaufstelle für zahlreiche Stars, die nun die betroffenen Klubs verlassen werden. "Italienische Mode zu unglaublichen Preisen! Bitte greifen sie zu!", titelte die spanische Marca süffisant. 13 von 23 Fußball-Weltmeistern stehen bei den vier Skandalklubs unter Vertrag. Unter anderem Fabio Cannavaro, Gianluigi Buffon, Gianluca Zambrotta, Mauro Camoranesi und Luca Toni werden sich nun wohl neue Klubs suchen. Geäußert hat sich nach dem Urteil noch keiner von ihnen.

Italiens Ministerin für Sport und Jugend forderte dagegen bereits weitreichende Reformen. "Der italienische wie der gesamte europäische Fußball braucht neue Regeln", sagte Giovanna Melandri in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Auf Grund der vielen Korruptionsskandale im europäischen Fußball mit Schäden in Millionenhöhe müsse die "entgleiste Lokomotive Fußball" insgesamt wieder "auf das richtige Gleis gebracht werden", erklärte die 44-Jährige. Unter anderem regte Melandri Höchstquoten in den Budgets der Klubs an, die für Spieler ausgegeben werden können, sowie ein Verbot des individuellen Aushandelns von Fernsehverträgen.

© SID

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