Fußball National
DFB-Präsident Zwanziger fordert Tabubruch

Nach dem Selbstmord von Robert Enke macht sich Theo Zwanziger für ein Umdenken im Fußball stark. Es müsse über den Bruch bestehender Tabus nachgedacht werden, so der DFB-Präsident.

Als Konsequenz aus dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke fordert DFB-Präsident Theo Zwanziger, dass im Fußball einige Tabus gebrochen werden. "Nach dieser Tragödie müssen wir alle im Fußball nachdenken, wie wir bestehende Tabus brechen", sagte der 64-Jährige in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Der Verbandschef glaubt, dass sich durch den Suizid des Keepers einige Dinge im deutschen Fußball verändern werden.

Unterstützung erhält Zwanziger von Florian Gothe, dem Präsidenten der Profifußballer-Gewerkschaft VDV. "Bei Klubs, Liga, Medien und Öffentlichkeit muss ein Bewusstseinswandel einsetzen. Depressionen dürfen kein Tabuthema mehr sein, der Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft. Auch Spitzenfußballer sind normale Menschen mit Ängsten und Sorgen", sagte der 47-Jährige der Süddeutschen Zeitung.

Zwanziger will alle Hebel in Bewegung setzen, damit dieses Umdenken in Zukunft auch tatsächlich stattfindet. "Wir müssen über viele Ansätze reden. Ein Gremium mit absolut vertrauenswürdigen Personen könnte dazugehören. Wichtiger ist, dass das oftmals lächerlich martialische Denken aufhört nach dem Motto. Ich darf keine Schwächen zeigen, ich muss der Stärkste sein. Im Gegenteil! Wenn wir Robert Enke gerecht werden wollen, müssen wir dazu kommen, dass im Fußball jeder ohne Angst leben kann. Mit seinen Stärken, Schwächen und Neigungen", sagte Zwanziger, für den nicht nur die Krankheit Depression sondern auch die Homosexualität zu den Tabuthemen im Fußball zählt.

Ähnlicher Druck auch für Homosexuelle

"Wir haben durch die bewegenden Aussagen von Robert Enkes Frau Teresa gehört, wie er seine Krankheit verborgen hat. Außerhalb eines ganz engen Kreises, also seiner Frau, seines Beraters und seines Arztes, sollte keiner von den Depressionen erfahren. Weshalb hatte er eine solche Angst vor der Öffentlichkeit? Weil er fürchtete, dass sonst seine Karriere im Fußball, den er so liebte, vorbei sei. Unter einem ähnlichen Druck stehen beispielsweise auch homosexuelle Fußballer", erklärte Zwanziger.

Um die Defizite im Fußball aufzuarbeiten, könnten Psychologen und andere Spezialisten eingebunden werden, um den Spielern die Angst vor einem Outing zu nehmen. "Es darf nur noch ein Tabu geben. Und das ist die Würde des Menschen. Natürlich hat die Gemeinschaft das Recht, für den sportlichen Wettbewerb gerechte Regeln zu entwerfen. Ausgrenzung, Diffamierung und falsch verstandenes Heldentum sind unwürdig und gehören deshalb nicht dazu", sagte Zwanziger.

Auch Gothe unterstreicht diese Meinung: "Wir alle müssen erkennen, dass zu einer physischen Topleistung auch eine psychische Topverfassung gehört. Deshalb ist das Angebot einer psychologischen und seelsorgerischen Unterstützung wichtig - und diese Betreuung darf nicht nur Mentaltraining sein."

Gothe hält es für einen weit verbreiteten Denkfehler, dass man die Arbeit der Sportpsycholgen, wie sie bei einigen Bundesligaklubs und auch in der Nationalmannschaft üblich ist, mit der eines Psychaters vergleicht: "Deren Arbeit hat nichts zu tun mit der Arbeit eines Psychaters, wie ihn ein depressiver Mensch braucht."

© SID

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