Fußball National
DFB und Politik kämpfen gegen Tabuisierung

Nachdem sich Theo Zwanziger für die Enttabuisierung der Themen Depression und Homosexualität ausgesprochen hat, will auch Angela Merkel ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kämpft für einen offeneren Umgang mit den Fußball-Tabuthemen, DFB-Präsident Theo Zwanziger plant die Gründung einer Stiftung: Rund eine Woche nach dem tragischen Selbstmord von Robert Enke kämpfen Politiker und Sportfunktionäre für eine Enttabuisierung der Themen Depression und Homosexualität.

"Wir müssen klare Zeichen setzen. Wir können dabei helfen, ein gesellschaftliches Klima zu verändern, damit eine Tabuisierung der Depression, aber auch der Homosexualität, unmöglich gemacht wird. Nach dieser Tragödie müssen wir alle im Fußball nachdenken, wie wir bestehende Tabus brechen", sagte Zwanziger und appellierte an die Anhänger: "Die Fans müssen das Kartell der Tabuisierer und Schweiger durchbrechen."

Merkel will Öffnung für Tabuthemen

Auch Kanzlerin Merkel plädierte am Mittwoch für eine Öffnung der Gesellschaft bei Tabuthemen. "Wenn man krank ist oder etwas nicht kann, sollte man es ruhig sagen", sagte Merkel der Wochenzeitung Die Zeit. Der Selbstmord des Torwarts, der seit 2003 an Depressionen litt, habe deshalb so viele Menschen berührt, "weil sich an einem berühmten Beispiel etwas zeigt, wovor viele Angst haben und was viel öfter passiert, als wir es uns vor Augen führen. Da machen wir uns in der Gesellschaft etwas vor", sagte Merkel.

Um das Umdenken im Fußball weiter voranzutreiben, will der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auch einen finanziellen Beitrag leisten. So soll es ein Abschiedsspiel für Enke zwischen der Nationalelf und Bundesligist Hannover 96 geben. Als Termin nannte Zwanziger den 11. oder 12. Januar des kommenden Jahres. Die Einnahmen sollen an Einrichtungen gehen, die sich mit der Heilung von Depressionen beschäftigen.

Zwanziger plant Robert-Enke-Stiftung

Zudem plant Zwanziger nach Informationen der Sport Bild die Gründung einer Robert-Enke-Stiftung. In Zusammenarbeit mit einer bereits existierenden Institution, die sich mit Forschung und Therapie im Bereich von Depressionserkrankungen beschäftigt, und in Absprache mit Enkes Ehefrau Teresa soll mit Hilfe der Stiftung in der Öffentlichkeit ein größeres Bewusstsein geschaffen werden.

"Wenn das gelingt, werden wir mit dem Geld dazu beitragen, einen ganz klaren Schwerpunkt beim Thema Depression zu setzen", sagte Zwanziger und fügte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hinzu: "Wenn der sinnlose Tod von Robert Enke einen kleinen Funken Sinn haben soll, dann müssen wir jetzt versuchen, zu verhindern, dass zu viele Menschen in ähnlichen Lagen zurückbleiben."

"Fußball ist nicht alles"

Zwanziger appellierte bereits auf der Trauerfeier für Enke, der sich am Dienstag vor einer Woche im Alter von nur 32 Jahren das Leben genommen hatte, auch an die Eltern, die zu oft ihren eigenen Ehrgeiz auf die überforderten Kinder übertragen. "Bei allem Ehrgeiz und Streben für eine gute Zukunft ihres Nachwuchses sollen auch Eltern daran denken: Fußball ist nicht alles. Denkt nicht nur an den Schein, Fußball darf nicht alles sein. Man darf nicht nur wie besessen Höchstleistungen hinterherjagen", sagte Zwanziger.

Ein offenerer Umgang mit Depressionen scheint nach Enkes Tod auf den Weg gebracht, allerdings sind Spieler und Klub-Funktionäre überzeugt, dass homosexuelle Fußballer zunächst weiter ein absolutes Tabuthema bleiben. "Ich bin da sehr skeptisch. Es geht im Geschäft Bundesliga und auch in anderen Bereichen des Lebens und der Wirtschaft darum, Leistung abzurufen. Da gesteht man wenig Fehler ein. Ich sehe da keinen Ausweg", sagte Hannovers Profi Hanno Balitsch.

Der homosexuelle St.-Pauli-Präsident Corny Littmann glaubt ebenfalls nicht, dass sich in Kürze ein bekannter Profi outet. "Wenn es plötzlich einer tut, wird ihm ewig anhängen, der erste schwule Fußballer der Bundesliga gewesen zu sein. Ob ein junger Mensch mit diesem Prädikat wohl rumlaufen möchte? Das ist eben ein sehr hohes Risiko für schwule Spieler. Die Befürchtungen, dass ihnen aus ihren Bekenntnissen Nachteile erwachsen könnten, sind berechtigt", meinte der 56 Jahre alte Theater-Leiter.

© SID

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