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Streich: "Da blutet mir das Herz"

Die Wiedervereinigung jährt sich zum 20. Mal und die Bundesliga steht ohne Ostklub da. Joachim Streich, Rekordspieler der DDR-Auswahl, spricht im Interview über die Gründe.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Bundesliga ohne Beteilungung von Ostklubs. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) spricht Joachim Streich, Rekordspieler und-torschütze der DDR-Auswahl, über den Osten als "weißen Flecken" in der Bundesliga, wirtschaftliche Gründe und eine schwierige Zukunft.

SID: "Herr Streich, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist kein Ostklub in der Bundesliga vertreten. Tut Ihnen das weh?"

Joachim Streich: "Da blutet mir das Herz, denn ich bin mit den Klubs groß geworden, die heute zum Teil in der Versenkung verschwunden sind. Wenn ich mir die Sportschau angucke, dann fehlt mir schon etwas. Es ist traurig, dass der Osten in der Bundesliga momentan ein weißer Fleck ist."

SID: "Woran liegt das Ihrer Meinung nach?"

Streich: "Natürlich spielt die Wirtschaft eine Rolle, die blüht im Osten nun einmal nicht gerade. Aber das ist nicht der einzige Grund. Bayern München ist der Erfolg auch nicht in den Schoß gefallen, die haben sich alles hart erarbeitet. Bei den Ostklubs haben die Verantwortlichen viele Fehler gemacht. Was zum Beispiel bei Hansa Rostock zuletzt abgelaufen ist, war unglaublich."

SID: "Bei Hansa läuft es aber jetzt in der 3. Liga wieder gut, Energie Cottbus und Erzgebirge Aue stehen in der 2. Liga ganz oben. Ist das kein Aufwärtstrend?"

Streich: "Das ist eine Momentaufnahme, in ein paar Wochen könnte das wieder ganz anders aussehen. Ich glaube, dass es noch eine lange Zeit dauern wird, bis wieder ein Ostverein in der Bundesliga für Furore sorgt."

SID: "In RB Leipzig überholt ein sogenannter Retorten-Klub mit viel Geld manchen Ost-Traditionsverein. Sehen Sie das kritisch?"

Streich: "Ich finde, dass das eine gute Sache ist. RB Leipzig kann mittelfristig eine Mannschaft aufbauen, die oben mitmischen kann. So etwas braucht die Region. Die anderen hatten ja ihre Chance, als sie nach der letzten DDR-Oberligasaison Startplätze in der ersten und zweiten Liga bekamen. Aber aus dieser Chance haben sie nicht viel gemacht."

SID: "Sie selbst haben vor 20 Jahren als erster Trainer der ehemaligen DDR den Sprung in den Westen zu Eintracht Braunschweig gewagt. Wie wurden Sie damals empfangen?"

Streich: "Viele waren anfangs skeptisch. Die dachten: Da kommt einer aus dem Osten, der uns erzählen will, wie es geht. Und jeder wusste, dass in der DDR viel trainiert wurde. Da wurde es einigen ganz schön mulmig. Aber ich habe da keine Kompromisse gemacht."

SID: "Dennoch haben Sie die Saison 1990/1 991 beim damaligen Zweitligisten als Trainer nicht überstanden. Woran lag es?"

Streich: "Der Vorstand wollte hoch hinaus, aber mehr als ein gesicherter Mittelfeldplatz war nicht drin. Außerdem bin ich auf eine andere Mentalität gestoßen. Es war einfacher, einen Oberligakader zu trainieren als 23 Zweitliga-Individualisten. Man kann immer nur elf Mann aufstellen, in der DDR kamen die Spieler damit besser klar. Im Westen waren die Profis schnell unzufrieden, haben gegen den Trainer geschossen."

SID: "Nach Ihnen sind nur wenige in der DDR ausgebildete Trainer im Profifußball untergekommen, einen Titel feierte nur Hans Meyer. Warum?"

Streich: "Die Trainer aus dem Osten hatten alle eine große Qualität. Was wir nicht hatten, waren gute Verbindungen, um in das Geschäft reinzukommen. Das war wie ein geschlossener Kreis, in den man nicht hineinkam. Uns hat eindeutig die Lobby gefehlt. Nehmen wir Peter Neururer als Beispiel. Wie oft ist der gefeuert worden, aber er kam immer wieder unter, weil er die richtigen Leute kannte." SID: "Warum haben sich DDR-Trainer nicht mehr aufgedrängt?"

Streich: "Wir waren vom Charakter her nicht die Typen, die auf der Tribüne gehockt haben, wenn es bei einem Kollegen irgendwo gekriselt hat. Dass man in dieser Gesellschaft extrem die Ellenbogen ausfahren muss, haben wir erst lernen müssen."

SID: "Das alles klingt nach reichlich Frust..."

Streich: "Nein, wirklich nicht. Ich finde, dass die Wiedervereinigung im Fußball problemloser vollzogen wurde als in anderen Bereichen der Gesellschaft."

© SID

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