Fußball Uefa
MV: "Habe die Welt kennenlernen dürfen"

Gerhard Mayer-Vorfelder tritt nach neunjährigem Engagement als Mitglied der Uefa-Exekutive ab. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst steht der 76-Jährige Rede und Antwort.

Neun Jahre war Gerhard Mayer-Vorfelder Mitglied der Uefa-Exekutive. Im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) zieht der 76-Jährige nun die Bilanz seiner Arbeit.

sid: "Herr Mayer-Vorfelder, Sie treten nach neun Jahren als Mitglied der Uefa-Exekutive ab. Wie ist Ihre Bilanz?"

Mayer-Vorfelder: "Meine Arbeit wurde von den internationalen Gremien anerkannt. Ich habe einiges für den deutschen Fußball tun können. Der Respekt war immer da."

sid: "Ihr Nachfolger soll Theo Zwanziger werden, ihr Partner in der Doppelspitze des DFB. Wie ist ihr gegenseitiges Verhältnis?"

Mayer-Vorfelder: "Wir haben uns gerieben. Wir haben uns ausgesprochen und haben ein gutes Verhältnis. Es gibt keinen Blick zurück. Wichtig ist, dass Deutschland weiter in der Uefa repräsentiert bleibt. Und da gehört ein Präsident hin. Das habe ich ihm auch persönlich gesagt."

sid: "Der Aufstand gegen Sie begann ja eigentlich 2004 mit dem Rücktritt von Rudi Völler als Nationaltrainer. Dann wurde Ihnen beim Finden von Jürgen Klinsmann Eigenmächtigkeit vorgeworfen. Wie sehen Sie diese turbulenten Tage im Rückblick?"

Mayer-Vorfelder: "Ich hatte schon vor der EM Signale bekommen, dass Rudi Völler bei einem enttäuschenden Abschneiden zurücktritt. Ich habe Ottmar Hitzfeld getroffen, der in einem Privatflieger nach Sevilla gekommen war. Wir waren uns über alles einig, sogar schon über das Gehalt. Dann hat er doch noch abgesagt. Was den Rest betrifft: Es war so und ist immer noch so, dass der Präsident des DFB die Verhandlungen mit einem möglichen Bundestrainer führt. Danach muss dann das DFB-Präsidium diesem Vorschlag zustimmen. So waren und sind die Zuständigkeiten. Ich habe mir da nichts vorzuwerfen."

sid: "Was bleibt von dem Uefa-Exko-Mitglied Gerhard Mayer-Vorfelder?"

Mayer-Vorfelder: "Niemand darf erwarten, dass in den Gremien wöchentlich ein Feuerwerk abgebrannt wird. Aber da ich 25 Jahre Präsident des VfB Stuttgart und im DFB ja auch Vorsitzender des Ligaausschusses war, ehe die DFL gegründet wurde, kannte ich mich mit den Problemen des Profifußballs aus. Ich denke schon, dass ich im Exekutivkomitee und in einigen Kommissionen einiges dafür getan habe, das Problem Kinderhandel im Fußball auf die Tagesordnung zu bringen und das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines sauberen europaweiten Lizenzierungsverfahrens zu schärfen. Beides dient vor allem dem deutschen Fußball."

sid: "Ist Platini der richtige Präsident?"

Mayer-Vorfelder: "Er bringt die Uefa durch seinen Schulterschluss mit der Fifa auf einen guten Weg. Seitdem beide gemeinsam marschieren, sind sie weltweit unschlagbar."

sid: "Alle Welt diskutiert inzwischen, die Summe der Spielergehälter an den Umsatz zu koppeln. Ist das nicht eine neue Form der Kolonialisierung? Der Umsatz in Westeuropa ist nun einmal höher als der in Osteuropa. Und wenn die nur noch Krumen bezahlen dürfen statt Brötchen ..."

Mayer-Vorfelder: "Interessante Betrachtung. Ich plädiere dafür, dass die Abramowitschs dieser Welt ihr Geld nicht mehr als Darlehen geben dürfen, sondern dies wie ein Jean Löring - Gott habe ihn selig - als verlorenen Zuschuss verbuchen. Denn damit wird der Umsatz nicht künstlich aufgebläht. Und damit käme man zu vernünftigen Zahlen zurück. Ob es dann andere Prozentzahlen der Masse vom Umsatz, die ausgegeben werden darf, für Ost-, West-, Süd- und Nordeuropa geben sollte, muss diskutiert werden. Gerade auch in dem Vereinsforum, dessen Vorsitzender Karl-Heinz Rummenigge ist."

sid: "Sie waren auch Kultus- und Finanzminister ihres Landes Baden-Württemberg. Was war bereichernder?"

Mayer-Vorfelder: "Ach, das hat sich gegenseitig befruchtet. Dank meiner Uefa-Tätigkeit habe ich die Welt kennenlernen dürfen und meinen Horizont sehr erweitert. Das Entdecken anderer Kulturen und Denkweisen hat mir schon einiges gebracht."

sid: "Und jetzt?"

Mayer-Vorfelder: "Ich bin immer noch im Landesvorstand der CDU. Und auch der DFB sowie die Uefa werden mich hin und wieder um Rat fragen."

sid: "Also keine Radtouren nach Frankreich mehr, wie damals als Student?"

Mayer-Vorfelder: "Frankreich ja, aber dann doch eher mit dem Auto."

sid: "Fifa-Präsident Joseph S. Blatter hat vor Jahren in einem Film gesagt, der Fußball sei bedeutender als die katholische Kirche. Können Sie als europäischer und schon vor Beckenbauer weltweit tätiger Fußballfunktionär, der gleichzeitig sehr aktiv in einer Partei tätig ist, die das "christlich" im Titel führt, unterstreichen?"

Mayer-Vorfelder: "Ich kenne diese Aussage nicht. Richtig ist auf alle Fälle, dass Fußball konfessionelle und ethnische Grenzen überwinden kann. Deshalb engagieren sich Uefa und DFB ja auch so stark im Kampf gegen Rassismus. Hoffentlich mit weiterem Erfolg."

© SID

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