Fußball WM
Globus von WM-Fieber befallen

Die ganze Welt blickt in freudiger Erwartung der Fußball-WM entgegen. In Ländern wie Angola und Irak versprechen sich die Fußballfans vom Großereignis sogar ein vorläufiges Ende der Gewalt.

Nicht nur Deutschland ist mittlerweile von der WM-Euphoriewelle erfasst worden. In Costa Rica ruht das öffentliche Leben, in Bangladesch erzwingen Studenten einen Sonderurlaub, in China stehen zehn Milliarden Menschen nachts auf und im Irak hoffen die Fans auf einen Waffenstillstand.

Die Kirche von England veröffentlichte mit der Bemerkung "Bei einem Elfmeterschießen wird man schwer einen Atheisten finden" sogar ein spezielles Gebet für gläubige Anhänger, mit dem David Beckham und Co. geholfen werden soll. Holland kontert mit Oranje-Käppis für seine Hunde - das traditionelle Anmalen der armen Vierbeiner in Orange ist inzwischen aus Naturschutzgründen verpönt.

"Insgesamt 32 Mrd. Zuschauer weltweit" werde die WM haben, verkündete Fifa-Chef Sepp Blatter bei der Eröffnung des TV-Zentrums - dabei umfasst die gesamte Erdbevölkerung nur gut 6,5 Mrd.. Damit im Land des Weltmeisters Brasilien alle hautnah am Fernseher dabei sein können, schließen die Börse von Sao Paulo, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen spätestens eine Stunde vor Spielbeginn. Die Energieunternehmen befürchten Stromausfälle, wenn die in die Selecao-Farben gelb-grün gewandete Millionenschar der Fans bei Bier und Steaks in Feierlaune gerät.

In Costa Rica hat das Erziehungsministerium allen Schulkindern und öffentlichen Angestellten für das Eröffnungsspiel gegen Deutschland Sonderurlaub verordnet, weil "das Land ohnehin paralysiert ist" (Arbeitsminister Francisco Morales). Auch in Ecuador gab Präsident Alfredo Palacio für das erste Spiel gegen Polen "WM-frei" - allerdings müssen die Ausfallzeiten in den kommenden Wochen nachgearbeitet werden.

WM als Friedensstifter

In Bangladesch finden die Prüfungen der staatlichen Hochschule für Technologie erst nach der WM statt, nachdem 2000 Studenten mit einem Straßenstreik Ferien erzwungen hatten. Schlagendes Argument der Demonstranten: "Wir können nicht nachts WM schauen und tagsüber studieren."

Selbst Bürgerkriege sollen vor dem Fußball-Ereignis im fernen Deutschland kapitulieren. "Die Begeisterung für die WM eint das geteilte Land", heisst es aus der Elfenbeinküste, wo große Bierkrüge neuerdings "Drogba" heißen. Angola sieht sich nicht mehr als "Land des Krieges, sondern des Fußballs". Im Irak hofft die Politik auf einen Waffenstillstand, damit sich die Menschen die Spiele ungefährdet in Cafes oder Restaurants anschauen können. Den stolzen Preis von 135 Euro für das WM-Paket eines Pay-TV-Senders kann kaum jemand aufbringen.

In Jordanien versprach der millionenschwere König Abdullah II., 23 Großbildschirme in Armenvierteln aufzustellen und die Armee mit Satellitenempfängern auszurüsten. In Bolivien befahl Präsident Evo Morales sogar eine Freigabe der Übertragungen eines Pay-TV-Senders für die arme Landbevölkerung.

Leiser Protest aus Südkorea

In den reicheren Ländern verführt die WM die Menschen zur Anschaffung von teuren Plasmabildschirmen - weltweit wurden so viel wie noch nie verkauft - und Ausgaben anderer Art. Ein Meinungsforschungsinstitut aus Thailand verkündete stolz, dass die Einwohner des Landes während der WM über eine Milliarde Dollar verzocken. Liebesdamen aus Japan bieten derweil einen speziellen WM-Discount von 3 000 Yen, wenn ihre Kunden einen gezielten Schuss auf besonders empfindliche Teile des Körpers abwehren.

Halbwegs den Überblick behalten hat immerhin der malaysische Innenminister Mohamed Radzi Sheikh Ahmad, der die Staasbediensteten ausdrücklich vor dem WM-Fieber warnte und Überraschungsvisiten von Premierminister Abdullah Ahmad Badawi in ihren Büros ankündigte.

Eine Bürgerrechtsgruppe in Südkorea startete sogar eine Kampagne gegen die Fußball-Euphorie und bezeichnete die WM als Plage. Auf einem Aufkleber heißt es: "Gibt es keine wichtigeren Probleme in der Welt als diese WM?" Diese Frage kann zumindest aus Sicht der Fußball-Fans mit einem klaren Nein beantwortet werden.

© SID

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