Fußball WM
Italo-amerikanisches Kuriositätenkabinett

Der Zuschauer konnte sich beim WM-Gruppenspiel Italien gegen USA (1:1) wie im Kuriositätenkabinett vorkommen. Nach drei Platzverweisen und einem Eigentor behielt lediglich der Schiedsrichter den klaren Überblick.

Das WM-Gruppenspiel zwischen Italien und den USA (1:1) bot fast alles auf, was der Fußball an Kuriositäten zu bieten hat. So hagelte es gleich drei Platzverweise und ein Eigentor besiegelte letztlich den Spielstand. Die Teams bewerteten das Resultat allerdings gänzlich unterschiedlich: Während die Spieler der Squadra Azzurra nach ihrer schwachen Leistung wie geprügelte Hunde zum Bus schlichen, feierten die Amerikaner den denkwürdigen Punktgewinn wie den WM-Titel.

Allen voran der Gladbacher Torhüter Kasey Keller, der seiner Mannschaft trotz Unterzahl in der zweiten Halbzeit das Unentschieden mit zwei Weltklasseparaden im "Finale furioso" rettete. "Meine Jungs da draußen sind tot. Das war eine Teamleistung in Perfektion", schwärmte der 36 Jahre alte Schlussmann und kündigte weitere Heldentaten des WM-Viertelfinalisten von 2002 an: "Unsere Mission bei diesem Turnier ist noch nicht beendet, aber wir können jetzt schon unglaublich stolz sein. Jeder hat für sein Land und unser Team gekämpft."

USA trotz Unterzahl Italien ebenbürtig

Das überschwängliche Lob von "Kaiser" Franz Beckenbauer über die Amerikaner, die nach den berechtigten Platzverweisen gegen Pablo Mastroeni (45./Rote Karte) und Eddie Pope (47./Gelb-Rote Karte) eine Halbzeit lang nur noch neun Akteure auf dem Feld hatten, geriet zu einer heftigen Ohrfeige für die Italiener. "Die USA waren ihnen sogar in Unterzahl ebenbürtig", staunte Beckenbauer über die Hilflosigkeit des selbsternannten WM-Mitfavoriten, den der Platzverweis für Daniele De Rossi (28.) wegen eines brutalen Ellbogenchecks gegen Brian Mcbride völlig aus dem Tritt brachte.

Der Rot-Sünder der Azzurri, der bereits im WM-Testspiel gegen die Schweiz wegen Nachtretens negativ aufgefallen war, zeigte sich zumindest einsichtig. "Ich bin am Boden zerstört und habe mich in der Kabine bei meiner Mannschaft entschuldigt", sagte De Rossi, der unmittelbar nach dem Spiel auch bei Mcbride ("Damit ist die Sache abgehakt") um Vergebung bat.

Lippi: "Von nun an gibt es nur noch alles oder nichts"

Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi verstand nach einem "verrückten Spiel mit vielen Knackpunkten", bei dem der exzellente Schiedsrichter Jorge Larrionda (Uruguay) der wahre Gewinner war, die WM-Welt nicht mehr. Mit ernster Miene trat der 58-Jährige vor dem Tag der Entscheidung die Flucht nach vorne an. "Das war alles andere als brillant, wir waren zu nervös. Von nun an gibt es nur noch alles oder nichts für uns. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht", unkte der grauhaarige Lippi, wirkte mit Blick auf das Spiel gegen die Tschechen am Donnerstag in Hamburg aber ungewohnt ratlos.

Am letzten Spieltag können noch alle Mannschaften der Gruppe E ins Achtelfinale einziehen, nachdem Ghana die Tschechen mit 2:0 besiegt hatte. Italien liegt mit vier Punkten vor Tschechien sowie Ghana (jeweils drei Punkte) und den USA (1) und könnte mit einem Unentschieden den Achtelfinal-Einzug aus eigener Kraft schaffen.

Große Zweifel am Leistungsvermögen der Lippi-Elf, die zuletzt 1974 in der WM-Vorrunde gescheitert war, haben aber selbst die italienischen Medien. "Achtung, Italien!", mahnte Tuttosport, während die Gazzetta dello Sport Lippi "viel Arbeit beim Umkrempeln" prophezeite.

Zeit der Zwiegespräche bei Italien

Etliche Vier-Augen-Gespräche wird der Coach, der bei einem frühen Ausscheiden mit dem "Segelboot verschwinden" will, in den nächsten Tagen im Quartier in Duisburg führen. Wiederholungstäter De Rossi steht wohl ebenso auf seiner Liste wie Francesco Totti ("Ich bin nur ein Mensch und komme nicht vom Mars"). Der bis dahin unterirdisch schlecht spielende Spielmacher aus Rom wurde bereits in der 35. Minute angesichts der Unterzahl für den defensiven Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso "geopfert".

Doch die taktische Marschroute ging nicht auf, da die ideenlosen Italiener nach dem Seitenwechsel die überraschende Überzahl nicht nutzen konnten. Neben Lippi verbrachte deshalb wohl auch Cristian Zaccardo eine schlaflose Nacht. Dem Abwehrspieler unterlief nur fünf Minuten nach der Führung durch Alberto Gilardino (22.) ein Eigentor.

Schiedsrichter mit tadelloser Leistung

Keine Vorwürfe musste sich Schiedsrichter Larrionda anhören. "Alle seine Entscheidungen waren korrekt", lobte unter anderem Italiens frühere Nationalcoach Trapattoni den 38 Jahre alten Unparteiischen, der ein Stück Geschichte schrieb. In der WM-Historie hatte es zuvor erst drei Partien gegeben, in denen drei Feldverweise ausgesprochen wurden - zuletzt 1998 zwischen Dänemark und Südafrika (1:1).

© SID

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