Fußball WM
Weltmeister Italien überspringt alle Hürden

Mehr als 24 Jahre musste die "Squadra Azzurra" auf den erneuten WM-Titelgewinn warten. Der Fußball-Skandal in Italien hatte dabei offenbar keine negativen Auswirkungen auf die Leistung von Cannavaro und Co..

Die ausgelassene Polonaise der "Squadra Azzurra" auf das Siegertreppchen beendete Italiens schier endlose Wartezeit auf einen Titel. "24 Jahre, drei Tage, 120 Minuten und fünf perfekte Elfmeter", so rechnete die große Sportzeitung Tuttosport vor, mussten die Tifosi auf den Moment warten, als Kapitän Fabio Cannavaro im silbernen Konfetti-Regen den Goldpokal in den Berliner Abendhimmel reckte und ein ganzes Land in einen kollektiven Freudentaumel stürzte.

Unbeschreiblich Szenen spielten sich auf dem Rasen ab. Die Sieger umarmten alles und jeden, wälzten sich wie Kleinkinder auf dem Rasen herum und schnitten Mauro Camoranesi übermütig seinen Zopf ab. "Das ist der glücklichste Moment in meinem Leben, ich werde einige Zeit benötigen, um annähernd zu begreifen, was passiert ist", schwärmte Trainer Marcello Lippi mit Freudentränen in den Augen und eingehüllt vom Rauch seiner dicken Sieger-Zigarre, bevor er den massiv-goldenen Pokal liebevoll streichelte und küsste.

Der Finalsieg über Frankreich mit 5:3 im Elfmeter-Krimi nach dem 1:1 (1:1, 1:1) nach Verlängerung sowie die gelungene Revanche für die Niederlage (1:2 durch Golden Goal) im EM-Endspiel 2000 ließ zumindest für eine rauschende Fußball-Nacht die Schlagzeilen um den unsäglichen Manipulationsskandal und den drohenden Zwangsabstieg von vier Klubs, darunter Rekordmeister Juventus Turin, vergessen.

Der vierte Titel kam zur rechten Zeit

Der vierte Titel nach 1934, 1938 und 1982 kam für den italienischen Fußball zur rechten Zeit. "Es war ein großer Sieg nach einem harten Kampf bis zum letzten Blutstropfen", schwärmte Premierminister Romano Prodi. "Die Mannschaft hat in unserem Land das Gefühl des Stolzes wieder hergestellt", meinte Staatspräsident Giorgio Napolitano auf der Ehrentribüne des Olympiastadions auch mit Blick auf die Negativ-Schlagzeilen der Liga.

"Die Welt gehört uns. Italien phantastisch!", titelte die Gazzetta dello Sport, die sich einige Seiten weiter mit dem ursprünglich am Montag, aber nunmehr auf Dienstag vertagten Urteilsspruch im Skandal beschäftigte.

"Diese Mannschaft hat Herz und Charakter gezeigt. Sie ist auch ein Produkt der Querelen und Affären zu Hause, die haben uns zusammengeschweißt. Italien kann stolz auf diese Spieler sein. Sie haben der Welt gezeigt, welch guten, effektiven und technisch guten Fußball wir spielen können", ergänzte Lippi und ließ Fragen nach seiner Zukunft weiter offen. "Es ist nicht die Zeit, darüber zu reden. Ich werde mir erst Gedanken machen und dann eine Meinung bilden", sagte der 58-Jährige, der als erster Trainer die Champions League als wichtigsten Klubtitel und die WM gewann.

Zwei Gründe: Viertelfinal-Einzug und Sieg gegen Deutschland

Für den Durchmarsch zum Titel ohne Niederlage mit 12:2 Toren führte Lippi zwei Gründe an: den Sprung ins Viertelfinale und den Halbfinalsieg "gegen Deutschland und 65 000 Fans in Dortmund". "Danach haben wir gewusst, wir können es auch gegen Frankreich schaffen."

Im insgesamt sechsten WM-Endspiel von Italien habe es neben dem frühen Führungstor von Zinedine Zidane (7.) per Foulelfmeter und dem Ausgleich von Marco Materazzi (19.) eine weitere Schlüsselszene gegeben. Es war die Rote Karte für Zidane (110.), der seine große Karriere mit einem Kopfstoß gegen seinen früheren Turiner Teamkollegen Materazzi in seinem 108. Länderspiel vorzeitig und auf schmutzige Art beendete.

Vehement versuchten sich die Italiener gegen den Vorwurf zu wehren, Torhüter Gianluigi Buffon habe den argentinischen Schiedsrichter Horacio Elizondo auf die Attacke aufmerksam gemacht. Es sei der vierte Unparteiische gewesen, der eingeschritten sei. "Es war eine unverständliche Handlung, er hat mich heute sehr enttäuscht, aber für mich bleibt er trotzdem ein großer Spieler bleiben", sagte Torjäger Francesco Totti, der ebenfalls über einen Rücktritt aus dem Nationalteam nachdenkt.

Zidanes Attacke war vor 69 000 Zuschauern der Anfang vom Ende für Frankreich, nachdem zuvor auch schon Patrick Vieira verletzt ausgewechselt werden musste und ebenso als sicherer Elfmeterschütze nicht mehr zur Verfügung stand. Als "Joker" David Trezeguet den Ball an die Unterkante der Latte setzte, war Italiens Weg zum ersten Sieg im vierten WM-Shootout geebnet. "Früher haben wir verloren, weil niemand schießen wollte. Diesmal wollte jeder, das war der kleine Unterschied", erklärte Lippi.

In der Heimat stürzten die Fans von Sizilien bis in die Lombardei nach dem goldenen Schuss von Fabio Grosso im Elfmeter-Krimi auf die Straßen und Plätze. Allein rund 200 000 Personen erlebten das Endspiel-Spektakel auf einer Großbildleinwand auf dem Circus Maximus in Rom. In der Ewigen Stadt ging an den historischen Zentren wie Piazza Venezia, Piazza del Popolo und Via Veneto nichts mehr. Und während sich Italien auf die Rückkehr seiner Helden am Montag vorbereitete, sagten die frustrierten Franzosen ihren Triumphzug über die Champs Elysees kurzfristig ab.

© SID

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