Fußball WM
Zidanes bitteres Ende seiner ruhmreichen Karriere

Torschütze, Fast-Triumphator und am Ende nur noch ein Häuflein Elend: Frankreichs Superstar Zinedine Zidane erlebte in seinem letzten Spiel die ganze Bandbreite der menschlichen Leidenschaften.

Den Goldpokal würdigte Zinedine Zidane keines Blickes. Mit Tränen in den Augen stapfte er am Objekt der Begierde vorbei, verschwand in der Kabine und verkroch sich in die hinterste Ecke. Dass wenig später die Italiener nach dem 5:3 im Elfmeterschießen ihren vierten WM-Titel ausgelassen feierten und seine Landsleute fassungslos auf dem Rasen lagen, wollte der lange Zeit beste Fußballer der Gegenwart nicht mehr sehen. Nach dem unrühmlichen Ende seiner ruhmreichen Karriere wollte der große "Zizou" am liebsten im Boden versinken.

"Ich habe ihn in der Kabine gesehen. Er war todunglücklich", berichtete Frankreichs Verbandspräsident Jean-Pierre Escalettes: "Er ist ein unendlich trauriger, unglücklicher Mensch." Zidane kauerte in den Katakomben des Berliner Olympiastadions, als oben Sieger und Verlierer des Finalkrimis ihre Emotionen auslebten. Die Silbermedaille, die für den 34-Jährigen bestimmt war, blieb unberührt liegen.

"Der blaue Engel hat sich in einen Teufel verwandelt"

Den Trostpreis wollte er nicht, zu tief saß die Enttäuschung über das, was in der 110. Minute in seinem letzten Fußballspiel passiert war. Sein Kopfstoß gegen Marco Materazzi, die Rote Karte durch Schiedsrichter Horacio Elizondo nach Rücksprache mit dem vierten Offiziellen, der Sieg des Jähzorns über die Vernunft, der wieder einmal so viel zerstört hatte - diesmal endgültig und unwiderruflich. Da tröstete auch der Goldene Ball am Tag danach für den besten Spieler des Turniers nicht.

"Der blaue Engel hat sich in einen Teufel verwandelt", beschrieb die Tageszeitung Le Parisien die Metamorphose des Fußball-Genies zum Wahnsinnigen. "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" sah die spanische Gazette El Pais, "das Beste und das Schlechteste" von Zidane. Seine zwei Gesichter hatte der Ball-Virtuose mit dem Hang zur Unbeherrschtheit bereits in der Vergangenheit gezeigt: das schöne bei unzähligen Sternstunden, die er dem Fußball geschenkt hatte, und das hässliche bei elf Platzverweisen zuvor.

"Seine Reaktion hat mich nicht überrascht"

"Seine Reaktion hat mich nicht überrascht", sagte Gianluca Zambrotta, der einst mit "Zizou" zusammen bei Juventus Turin spielte: "Das hat er schon früher gemacht." Trainer Raymond Domenech verteidigte vehement seinen scheidenden Star. Materazzi müsse etwas zu ihm gesagt haben, "das ist nicht einfach so passiert. Er hat ja nicht gesagt: Ich bin müde und will runter", meinte der französische Coach mit der ihm eigenen Art von Humor. Auch von den Mannschaftskollegen fiel nicht ein böses Wort gegen Zidane. "Alles, was ich Zizou sagen möchte - und was Frankreich und die ganze Welt sagen sollte - ist: danke. Einfach nur danke", erklärte Thierry Henry. Und Willy Sagnol ergänzte: "Wir sollten ihm danken, denn wenn er nicht in die Nationalmannschaft zurückgekehrt wäre, wären wir heute nicht hier gewesen."

Selbst Staatspräsident Jacques Chirac, der die Mannschaft am Montag zum Mittagessen in den Elysee-Palast einlud, stimmte ein: "Ich möchte den allergrößten Respekt aussprechen, den ich vor diesem Mann habe, der gleichzeitig die schönsten Werte im Sport und die größten menschlichen Qualitäten verkörpert und ganz Frankreich stolz gemacht hat."

Die Dankbarkeit für eine Ära des französischen Fußballs, der nach dem WM-Triumph 1998 und dem EM-Sieg 2000 am Ende die letzte Krönung fehlte, bestimmte trotz aller Enttäuschung auch die Reaktionen in der Heimat. "Trotz allem: Bravo!", titelte L´Humanite, während allerdings die Sportzeitung L´Equipe nachdenklich fragte: "Was sollen wir unseren Kindern sagen und all jenen, für die du in alle Ewigkeit ein leuchtendes Beispiel geworden bist? Wie konnte eine solche Dummheit einem Mann wie dir passieren?"

Dabei hatte im 108. und letzten Spiel für Zidane alles so begonnen, wie es sich für den krönenden Abschluss einer beispiellosen Karriere gehört. Mit einem - allerdings aufreizend lässig - verwandelten Foulelfmeter in der siebten Minute hatte der Kapitän seine Equipe Tricolore auf den Weg zum zweiten WM-Titel gebracht und sich selbst in den Geschichtsbüchern verewigt: Als vierter Spieler nach den Brasilianern Pele und Vava sowie dem deutschen Weltmeister Paul Breitner traf Zidane in zwei WM-Endspielen.

Wenige Minuten vor dem folgenschweren Kopfstoß hätte "Zizou" beinahe mit demselben Körperteil die Grande Nation in Ekstase versetzt. Doch seinen Kopfball parierte Torhüter Gianluigi Buffon, es blieb beim 1:1, das Elfmeterschießen entschied zu Gunsten der Italiener - als Zidane schon längst von der Bildfläche verschwunden war.

© SID

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