Fußballkrimi „Piagnolia“
Von Patern, Mafiosi und falschen Schiedsrichtern

Fußball-Weltmeisterschaft 1934: „Il Duce“ will den Triumph für das faschistische Italien. Doch eine chaotische Dorfgemeinde droht, in die Quere zu kommen. Matthias von Arnims Debütroman fußt auf wahren Begebenheiten.
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DüsseldorfEin Pfarrer, ein Bürgermeister und ein Journalist gehen in ein Wettbüro: Was wie der Anfang eines seltsamen Witzes klingen könnte, ist für die Protagonisten des historischen Fußballromans „Piagnolia“ bitterer Ernst. Denn die Einwohner des fiktiven italienischen Örtchens geraten während der Fußball-Weltmeisterschaft 1934 in einen tiefbraunen Sumpf aus Korruption, Mord und illegalen Wettgeschäften.

Die WM führt den traumatisierten Kriegsveteranen Guido, den neugierigen amerikanischen Sportjournalisten Nick und den nervösen Regierungshandlanger Olivio mit den Dorfbewohnern von Piagnolia zusammen. Sie kommen dem italienischen Diktator Benito Mussolini auf die Schliche und stellen fest, dass ihm jedes Mittel recht ist, um das Turnier in seinem Land zu einem Triumphzug des Faschismus werden zu lassen.

Dafür sollen alle Register gezogen werden: Höchst zweifelhaft zusammengestellte Qualifikationsgruppen, Schiedsrichterbestechung, Doping, illegale Wettgeschäfte und letztendlich sogar Mord. Doch die Dorfbewohner und ihre neuen Freunde versuchen, dem braunen Despoten und seinen Handlangern einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Die zweite Fußball-Weltmeisterschaft fand in einer Zeit statt, in der Auswechslungen noch nicht vorgesehen waren und Verteidiger — wie etwa der Deutsche Reinhold Münzenberg — als „eisernes Rauhbein“ eher gefeiert als kritisiert wurden.

Damit öffnete sich ein Einfallstor für Spielmanipulationen: Ein kleines Entgelt an den Schiedsrichter, und der übersah großzügig jedes noch so brutale Vergehen der zahlenden Mannschaft.
Dass die italienischen Verantwortlichen alle Mittel ausreizten, um ihrem Land den Weltmeistertitel zu bescheren, ist unter Experten längst bekannt. Matthias von Arnim rollt nun die kriminellen Machenschaften in seinem Debütroman wieder auf und vermischt die wahren Begebenheiten mit fiktiven Charakteren und Handlungssträngen.

Der Autor schreibt seit mehr als 20 Jahren über das Thema Geldanlage. Fast genau so lange habe er aber auch die Idee für einen Roman mit ihm herumgetragen, so von Arnim: „Im Jahr 2012 habe ich mir schließlich ein Herz gefasst, mir eine Auszeit gegönnt und die Geschichte geschrieben, die mir so lange in meinem Kopf herumgegangen ist.“

Die vom Wirtschaftsjournalisten als temperamentvolle Italiener gezeichneten Protagonisten erleben ein turbulentes Abenteuer, das ihnen Willensstärke, Mut und einen gehörigen Schuss Pragmatismus abverlangt. Allen voran etwa Pater Corello, der in scheinbar ausweglosen Situationen den Allmächtigen bittet, ihn und seine mit guten Absichten unternommenen illegalen Machenschaften zu unterstützen.

Sein dicker, nimmersatter Schoßhund trägt dabei gewiss nicht rein zufällig wie „Il Duce“ den Vornamen Benito und kotzt dem schneidigen Parteilöwen Starace höchst symbolhaft auf dessen Lackschuhe.

Handlung entschädigt für eindimensionale Charaktere

Die spektakuläre Handlung, die mit viel Witz, Charme und so mancher überraschender Wende nie langweilig wird, entschädigt für die etwas eindimensional und stereotypisch gezeichneten Charaktere. Der Autor, der unter anderem für die Wirtschaftswoche und das Handelsblatt tätig war, macht sich zudem manche Zusammenhänge etwas zu einfach und bemüht gelegentlich zu viele Zufälle.

Italien scheint in den Wochen der WM nur aus den Buchprotagonisten zu bestehen, denn die Akteure verschiedener Handlungsstränge treffen sich andauernd zufällig auf der Straße, in einem entlegenen Kloster oder einem scheinbar sehr angesagten Straßencafé und scheinen sich selbst nicht über die schiere Unmöglichkeit ihrer Begegnungen zu wundern.

Trotzdem ist „Piagnolia“ ein kurzweiliger, lesenswerter Roman zur besten WM-Zeit, der mit der Verflechtung von skandalöser Realität und selbstironischer Fantasie seinen Reiz hat. Gewisse Begebenheiten kommen dem Leser angesichts der Massenproteste vor der WM in Brasilien nur allzu bekannt vor.

So wächst der Unmut in der italienischen Bevölkerung über die hohen Ticketpreise und die horrenden Baukosten der Stadien, während der Staat selbst dem Bankrott entgegen schlittert und die Bevölkerung auf dem Lande teilweise immer noch nicht an das Kanalsystem angeschlossen ist.

Es bleibt zu hoffen, dass es bei diesen Parallelen zwischen den 80 Jahre auseinander liegenden Weltmeisterschaften bleibt und 2014 nicht Bestechung, Doping und Wettskandale den Ausgang der WM beeinflussen.

Christoph Henrichs
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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