Gewalt im US-Football
Touchdown im Elevator

Ein Profi-Footballer schlägt seine Freundin zusammen. Ein Team-Besitzer der NFL zwingt angeblich Frauen zum Sex. Der amerikanische Macho-Sport steckt in einer tiefen Krise - und die Sponsoren werden nervös.
  • 0

San FranciscoRay Rice verlor die Beherrschung. Es war nur ein einziger, gezielter Faustschlag, den der Profi-Footballer landete. Aber der schickte seine Freundin in einem Hotelaufzug bewusstlos zu Boden. Was darauf folgte wird das Gesicht des American Football für immer verändern. Rufe nach einem Rücktritt des Chefs der National Football League, NFL, Roger Goodell, werden immer lauter. Ein ehemaliger FBI-Ermittler durchleuchtet im Auftrag der Liga-Eigner Goodells Rolle in diesem Fall der häuslichen Gewalt, der zunächst so wie immer mit einer symbolischen „Strafe“ von zwei gesperrten Spielen beendet und unter den Teppich gekehrt werden sollte. Doch diesmal kam alles ganz anders. Die Öffentlichkeit ist entsetzt über das Ausmaß der Gewalt und die laschen Reaktionen. Die Sponsoren reagieren verschreckt. Springen sie ab, steht die NFL vor existenziellen Problemen.

Dem öffentlichen Aufschrei folgen hastige Aktionen von Liga und Verein. Statt wie geplant seine Mini-Strafe abzusitzen verliert Rice jetzt seinen Multi-Millionen-Dollar-Vertrag bei den Baltimore Ravens, der Verband sperrt ihn lebenslang. Die internen Strafen für Gewalt von Spielern gegen Frauen werden verschärft. Aber es kehrt einfach keine Ruhe ein. Im Gegenteil: Der politische Widerstand gegen die wahrscheinlich letzte echte Männerbastion in den USA, abgesehen von der Waffenlobby NRA, formiert sich: Sechzehn US-Senatorinnen aus beiden politischen Lagern fordern in einem Brief an die Liga unmissverständlich eine „Null-Toleranz-Politik“ bei häuslicher Gewalt. Es herrsche eine Kultur der Gewalt und Vergewaltigung lautet der Vorwurf vieler Kritiker und Frauenrechtler. Die „National Organisation for Women“ fordert den Rücktritt Goodells und eine Neubesinnung des Footballs: „Die NFL hat kein Ray Rice-Problem“, wettert President Terry O’Neill, „sie hat ein Problem mit Gewalt gegen Frauen“. Das Magazin Slate errechnet, dass 21 von 32 NFL-Teams dieses Jahr irgendwann einmal mindestens einen Spieler im Team hatten, der wegen häuslicher Gewalt oder Sexualdelikten angeklagt war.

Neu ist das alles nicht, aber niemand wollte es bislang richtig wahrhaben. Die Webseite „Power Forward“ pflegt eine nicht enden wollende Horrorliste von Vergewaltigungsvorwürfen gegen Nachwuchs-Footballer aus der College-Liga, dem Talent-Pool der NFL. Teilweise mussten selbst gegen Schulleitungen Ermittlungen eingeleitet werden, weil sie Opfer nicht ernst nahmen, sie angeblich von Anzeigen gegen Footballer abhalten wollten oder schlicht nicht bereit waren, irgendwelche Strafen zu verhängen. Universitäten investieren enorme Summen in Football-Spieler. Sie gelten als Helden und  die Colleges machen Millionengewinne mit der Nachwuchsliga. Die Anspannung und die Aggression unter den Spielern sind groß, es wird gnadenlos ausgesiebt. Persönliche Kurzschlusshandlungen scheinen da einfach eine Folge des Systems. Da wird nichts akzeptiert, was die Geldmaschine ins Stottern bringen könnte, schimpfen Kritiker unisono. Es herrsche seit Jahrzehnten eine Kultur der Vertuschens und Verschweigens. Der Jahresumsatz der College-Football-Liga wird auf rund zehn Milliarden Dollar geschätzt.

Das Fass zum Überlaufen brachte ein Vorfall, der schon im März passiert war, aber zunächst wie viele andere zuvor im Sande zu verlaufen drohte. Ein Video war im Umlauf, das zeigte wie Ray Rice eine bewusstlose Frau aus einem Fahrstuhl schleifte und auf dem Boden ablegte. Wilde Gerüchte machten die Runde. Er wurde verhaftet, später ersparte ihm ein Deal mit der Staatsanwaltschaft einer Verurteilung vor Gericht. Er nimmt jetzt an einem Anti-Gewalt-Programm teil. Ein nicht unüblicher Ausgang. Bereits 2010 zeigte eine Untersuchung der Harvard Law School eine „ungewöhnliche Milde“, wenn es um Sportler und häusliche Gewalt gehe: Die „Rate der Verurteilungen von Sportlern wegen häuslicher Gewalt ist überraschend niedrig, verglichen mit der Zahl der Verhaftungen“, heißt es. Die Liga zeigte sich ebenfalls gnädig mit einem schmerzfreien Klaps auf die Finger von Ray Rice: Zwei Spiele Sperre.

Schon Anfang August braute sich jedoch Ungemach zusammen, als sich der demokratische Senator Richard Blumenthal und zwei Kollegen an die NFL wandten. Die symbolische Bestrafung sende zwangsläufig die Botschaft, die NFL „behandele häusliche Gewalt nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit“, warnten sie. Die Politiker monierten eine Haltung des „Kavaliersdelikts“ bei den Verantwortlichen. Doch die Macho-Liga blieb stur. NFL-Vizepräsident Adolpho Birch verteidigte die Strafe als „angemessen“. Und auch Rices‘ Team wollten die Sache jetzt endlich beerdigen. Was war denn schon passiert?

Kommentare zu " Gewalt im US-Football: Touchdown im Elevator"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%