Handelsblatt Wirtschaftsclub in Hamburg

Die Handelsblatt-Redakteure Christian Rickens und Alexander Moethe im Clubgespräch mit HSV-Manager Frank Wettstein (M.).

(Foto: Johannes Arlt für Handelsblatt)

Handelsblatt Club-Gespräch Der HSV ist bereit für den Abstieg

Der Fußballmanager Frank Wettstein enthüllt im Handelsblatt-Club seine Pläne für die zweite Liga – und stößt auf heftige Kritik.
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HamburgHSV-Manager Frank Wettstein sieht den Hamburger Fußballverein finanziell vorbereitet auf den drohenden Abstieg in die Zweite Bundesliga. „Die Pleite droht dem Klub nicht“, sagte er bei einem Handelsblatt Club-Gespräch am Dienstagabend im Volksparkstadion.

Der HSV könne seine Ausgaben anpassen – etwa weil Spieler und Manager mittlerweile vertraglich vereinbarte Abschläge nach einem Abstieg hinnehmen müssen. Der HSV könne daher kurzzeitig in der Zweiten Liga ohne große Einschnitte etwa im Jugendleistungszentrum auskommen und müsse keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen.

Bei einem längeren Verbleib in der Zweiten Liga gerieten Wettsteins Sanierungspläne allerdings in Gefahr. Wenn der HSV auch im Fußball-Unterhaus nicht durch sportliche Leistung überzeugt, könne durchaus der bisher starke Zuschauerschnitt leiden. Die einfach Rechnung: Ist das Stadion nur noch halb voll, fallen auch die Einnahmen nur noch halb so hoch aus.

Nach dem Vorbild von Klubs wie Mainz 05, dem FC Augsburg, aber auch Borussia Dortmund, bei dessen Sanierung er beratend tätig war, will er die Mannschaft vor allem mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs ausstatten und so auf teure Zukäufe verzichten können. „Sie müssen irgendwann den Kreislauf aus zu hoch angesetzten Zielen und teuren Zukäufen durchbrechen“, sagte er. Als Ursachen für die Misere des Vereins, der auf dem letzten Tabellenplatz der Ersten Bundesliga steht, machte er einen wesentlichen Faktor aus: „falsche Kaderpolitik“. „Wenn wir beispielsweise am Anfang der Saison mit Platz 8 planen, dann aber nur Platz 16 erreichen, fehlen uns 20 Millionen Euro in der Kasse“, sagte er. Mit ausbleibendem sportlichen Erfolg blieben die Kosten hoch, die Erlöse aber fehlten.

Dennoch wendete sich Wettstein gegen die in Hamburg recht populäre Annahme, der HSV werde durch den Abstieg seinen Umbau besser meistern können. „Es ist nachvollziehbar, dass die Leute sagen, wir brauchen einen strukturellen Neuanfang. Dafür ist aber ein Abstieg nicht nötig“, sagte Wettstein, der erst Anfang März für den freigestellten Vorstandschef der HSV Fußball AG, Heribert Bruchhagen, als alleiniger Vorstand eingesprungen war. Wirtschaftsprüfer Wettstein ist eigentlich seit 2014 Finanzvorstand der HSV Fußball AG.

Damit der Umbruch gelinge, brauche der HSV Spieler, die sich mehr mit dem Traditionsverein identifizierten. Bislang seien zwar die Mitarbeiter große Fans, viele Spieler aber kurzfristig zugekauft. Wettstein verwies darauf, auch der hochprofessionelle Bayern München habe mit dem Spieler Thomas Müller einen Anführer, für den es unvorstellbar sei, bei einem anderen Verein anzutreten.

Entscheidend für den Neuanfang sind für Wettstein das neue Leistungszentrum für den Nachwuchs sowie der neue Trainer Christian Titz, der zuvor die HSV-Jugend anleitete. Statt immer neue Trainer einzukaufen, könne Titz den Klub von innen heraus mitentwickeln und kenne bereits die Nachwuchsspieler. In sie setzt Wettstein große Hoffnungen. „Vielleicht kommen ja mal drei bis vier Top-Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, die nach oben schießen und so den Club sanieren“, hoffte er. Als Positivbeispiel der aktuellen Saison hebt er die gelungene Einbindung von Spielern wie Jann-Fiete Arp, aber auch den Leistungssprung des brasilianischen Millioneneinkaufs Douglas Santos hervor.

Realistischer sei es aber, die Marke HSV nach dem Vorbild des BVB neu zu positionieren. Der Dortmunder Verein stand nach einer Phase teurer Zukäufe kurz vor der Pleite und setzte anschließend auf den eigenen Nachwuchs. Zusammen mit dem Sponsor Puma prägte er den Slogan „Echte Liebe“ und positionierte sich als ehrlichere Alternative zu Bayern München. Wettstein gestand allerdings ein, der BVB sei dem HSV damals sportlich voraus gewesen. „Die Organisationsstruktur beim BVB war wegen der Börsennotierung schon vor zwölf Jahren deutlich professioneller als beim HSV bei meinem Antritt vor vier Jahren“, sagte Wettstein.

Um die Organisationsstruktur des HSV kam es beim Handelsblatt-Clubgespräch zu einem Disput. Wettstein bemängelte, bei der Ausgliederung der HSV Fußball AG aus dem Verein im Jahr 2014 sei es zu Versäumnissen gekommen. Damals habe eine „Medienkampagne“ die Ausgliederung, die auf hohe Zustimmung gestoßen war, befeuert. Inhaltlich hätten die meisten Vereinsmitglieder das Vorhaben jedoch nicht durchschaut.

Das Handelsblatt-Club-Mitglied und Mitgestalter der Kampagne „HSV Plus“ sorgte für einen Disput. Quelle: Johannes Arlt für Handelsblatt
Stephan Rebbe

Das Handelsblatt-Club-Mitglied und Mitgestalter der Kampagne „HSV Plus“ sorgte für einen Disput.

(Foto: Johannes Arlt für Handelsblatt)

Der Werber Stephan Rebbe, der die Kampagne HSV Plus mitgestaltetet hatte, hielt als Mitglied im Handelsblatt-Club dagegen: „Ich könnte heulen, es macht mich wahnsinnig – hier waren 10.000 Leute und haben für die Ausgliederung gestimmt“, sagte er. Die Chancen der Ausgliederung seien nicht genutzt worden. Das Management habe keine Führung gezeigt, den Klub nicht professionalisiert und entschuldet.

Wettstein dagegen meinte, die Schulden seien im Griff. Bei einem möglichen Abstieg werde das Mannschaftsbudget auf gut 27 Millionen Euro gedeckelt. Um die Rückzahlung einer 2019 fälligen Fananleihe über 17,5 Millionen Euro zu gewährleisten, müsse in den kommenden zwölf Monaten ein Plan entwickelt werden. Denkbar sei, eine neue Fananleihe aufzulegen, die sowohl für Fans als auch für professionelle Investoren interessant sei. In jedem Fall seien die Voraussetzungen für eine Bundesliga-Lizenz erfüllt – zumal der HSV auf 50 Millionen Euro Eigenkapital verweisen könne.

Verständnis äußerte Wettstein für den umstrittenen HSV-Mäzen Michael Kühne. Der Logistikunternehmer verfolge den Verein mit hohem Interesse, komme in der Öffentlichkeit aber häufig falsch rüber. „Sobald er sich nach Monaten Funkstille mal am Rande einer Veranstaltung äußert, steht die Schlagzeile doch schon fest: Kühne haut wieder drauf“, sagte Wettstein. Dabei sei er mit Kühne in eher losem Kontakt – beide sähen sich vielleicht vier Mal im Jahr und telefonierten ebenso selten. Kühne hat dem Verein in der Vergangenheit finanziell bei etlichen Spielerkäufen geholfen – gilt aber als eine Ursache für den Problem-Kader. Der Anteilseigner an der AG sei bereit, Anteile abzugeben, falls sich ein strategischer Investor finde, beteuerte Wettstein. Schließlich sei Kühne in erster Linie Fan, der den Club unterstütze.

Insgesamt leider der HSV darunter, dass zu viele Kräfte an ihm zerrten, bemängelte Wettstein dennoch. „Wir haben 120 Legenden, die alle erfolgreicher Fußball gespielt haben als wir in den letzten zehn Jahren“, sagte er. Allerdings kritisierten diese Legenden regelmäßig öffentlich den Verein – und verfolgten dabei häufig die Absicht, einen Berater-Job für sich herauszuschlagen. Dazu komme die „Medienlandschaft in Hamburg“, die sich am HSV abarbeite. Zudem habe der Verein in den vergangenen Jahren zu viele Unternehmens- und Steuerberater gehabt. „Der Klub war völlig fremdgesteuert“, kritisierte Wettstein.

Trotz des drohenden Abstiegs: Eine ewige Liga wie beim Eishockey wäre nicht nach Wettsteins Vorstellung. Auf die Frage von Handelsblatt-Sportredakteur Alexander Möthe und Ressortleiter Christian Rickens, ob das die bessere Alternative sei, wiegelte er ab. „Wenn sie den Abstiegskampf abschaffen in einer Situation, in der die Meisterschaft oft eh langweilig ist, haben Sie gar keine Spannung mehr“, sagte er. Zudem würden die Fans bei solch einer einschneidenden Änderung nicht mitziehen.

Denn Fußball ist Tradition: Das zeigte auch die Führung für die Handelsblatt-Clubmitglieder durch das Volksparkstadion. Etwa durch den Einlauftunnel – es ist das Original aus dem Vorgängerbau, der eigens in die modernisierte vereinseigene Arena eingebaut wurde.

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