Hans E. Lorenz
Der Richter des Fußballs

Tor oder Phantom-Tor, Aufstieg oder kein Aufstieg – über alle Streitigkeiten im deutschen Fußball richtet Hans E. Lorenz. Für seine Urteile muss er nicht nur von der Öffentlichkeit Kritik einstecken. Eine Begegnung.
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MainzFür kleine Witze hat Hans Eberhard Lorenz auch während ernster Gerichtsverfahren Zeit. Es ist der zwölfte Verhandlungstag im Schwurgerichtssaal des Mainzer Landgerichts und auf dem Programm steht Urkundenverlesung. Eine zähe Angelegenheit, bei der alle Beweismittel – von E-Mails über Gutachten bis hin zu Rechnungen – laut vorgelesen werden. Das Thema an diesem Mittwoch: illegale Parteispenden. Nachdem noch einige Zeugen verhört wurden, kündigt der Vorsitzende Richter, Lorenz, eine kleine Pause an. „Dann können wir alle noch einen Espresso zu uns nehmen“, sagt er. Für die Urkundenverlesung. Die Angeklagten, ihre Anwälte und die Zuschauer im Saal grinsen.

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Lorenz mit genau solchen Sprüchen Ende Oktober bekannt – bei der Verhandlung des Hoffenheimer Phantom-Tors. Denn Lorenz ist neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer am Landgericht Mainz auch ehrenamtlicher Vorsitzender des Sportgerichts des Deutschen Fußballbundes (DFB).

Am Tag der Verhandlung um das Phantom-Tor versteckte Lorenz seine feine Ironie schon in seiner Begrüßung des Leverkusener Stürmers Stefan Kießling. „Jetzt haben Sie auch mal eine Einladung vom DFB erhalten“, sagte Lorenz zu dem Fußballer. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite. Vom DFB-Team hat Kießling bekanntlich schon lange keine Einladung mehr bekommen. Der Stürmer sagte dazu nur: „Darauf muss ich jetzt nicht antworten, oder?“

Es sollte nicht Lorenz‘ einzige Pointe des Tages bleiben. „Wir haben uns überlegt, Stefan Kießling dazu zu verurteilen, tausendmal zu versuchen, den Ball durch dieses Loch ins Tor zu köpfen“, witzelte er später. Und: „Als ich als Junge mit dem Fußball auf dem Land begonnen habe, war es eher die Ausnahme, wenn kein Loch im Netz war.“

Diese lockere Art ist kein Zufall. Lorenz sagt sogar selbst, dass er sich in Verhandlungen bemüht, mal für einen Lacher zu sorgen. „Ich glaube, der Kießling hat das richtig verstanden“, meint der 62 Jahre alte Richter. Er sitzt in seinem Büro im Mainzer Landgericht an seinem grauen Schreibtisch, hat die Hände auf den Tisch gelegt und grinst verschmitzt, während er das sagt. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, die weiße Krawatte aus der Verhandlung am Morgen hat er abgelegt. Hinter ihm steht eine Kommode mit lauter Gesetzestexten – inklusive der DFB-Statuten natürlich.

Seit 2007 arbeitet Lorenz als Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, vor kurzem ist er für drei Jahre wiedergewählt worden. Seine Karriere aber begann schon viel früher. Als 19-Jähriger fing er neben seinem Jura-Studium an, für die Sportredaktion des damaligen Südwestfunks – heute Südwestrundfunk (SWR) – zu arbeiten. Er fuhr zu den Spielen, holte sich Stimmen von Fußballern, schnitt die Beiträge. Als Sportreporter kannte er die Profis und Funktionäre der Fußballbundesliga gut.

Unter anderen auch Willi Heß, seines Zeichens in der Geschäftsstelle des Südwestdeutschen Fußballverbandes in Mainz tätig. Als der Verband 1980 einen neuen Vorsitzenden für das Verbandsgericht suchte, sprach Heß, übrigens ein Onkel von Jürgen Klopp, Lorenz an und fragte: „Wäre das nicht was für dich?“ War es. Lorenz nahm den ehrenamtlichen Job an. In den 1990er Jahren wurde er Beisitzer beim DFB-Sportgericht, seit sechs Jahren ist er Vorsitzender.

Als Sportrichter hat er sämtliche brisanten Fälle der vergangenen Jahre verhandelt – neben dem Phantom-Tor zum Beispiel auch das umstrittene Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin 2012. „Das war insofern schwierig, weil der öffentliche Druck so stark war“, erzählt Lorenz. Bei dem Spiel waren die Fortuna-Fans noch vor Abpfiff auf den Platz gerannt. Berlin forderte ein Wiederholungsspiel, die Sache landete auf Lorenz‘ Schreibtisch.

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