Heimspiel – der Bundesliga-Kommentar
Der lange Abschied

„The Long Goodbye“, „Der lange Abschied“ – so heißt eines der schönsten Werke der amerikanischen Literatur. Raymond Chandlers Romanfigur, der einsame, melancholisch-zynische Privatdetektiv Philip Marlowe, wird hinein gezogen in einen wilden Strudel aus Mord und Totschlag, Liebe und Hass, Schuld und Sühne in einer Gesellschaft am Rande des Deliriums. Ein wenig erinnert das an die Fußball-Bundesliga, die einen feinen Mikrokosmos unserer heutigen Gesellschaft abgibt. Da wird vielleicht nicht gleich gemordet im buchstäblichen Sinne, aber allemal geliebt, gehasst und - wenn nötig - gerne auch hinterrücks gemeuchelt.

Jüngstes Opfer ist BVB-Coach Bert van Marwijk. Der Holländer, der 2004 noch von der alten Führung um ex-Präsident Gerd Niebaum geholt wurde und erst nach und nach Kenntnis davon erlangte, dass er einen wirtschaftlichen Sanierungsfall sportlich irgendwie am Leben halten musste, hat sich fraglos um den BVB verdient gemacht. So spielte er mit einem Team der Namenlosen in der Rückrunde 2005 die bis dato beste BVB-Halbserie aller Zeiten.

Von den Fans gefeiert, wurde van Marwijk dennoch nie heimisch in Dortmund und wohnt bis heute im Hotel. Als dann in dieser Saison erstmals wieder in den Kader investiert wurde, die Spielweise der Borussia aber vor allem zuhause eher ärmlich blieb, da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der medienscheue van Marwijk zwischen widerlichen Schlagzeilen, verständlichem Fan-Unmut und berechtigter Kritik der BVB-Verantwortlichen aufgerieben haben würde. Eine Trennung war nun wohl unausweichlich. Dass sie allerdings erst in einem halben Jahr stattfinden soll, mag gut gemeint sein, für van Marwijk aber werden die nächsten Monate so zur Tortur. Der Mann, dem der Boulevard ohnehin keine Chance mehr ließ, ist zum Abschuss frei gegeben. Ein unwürdiges Spektakel droht, das man dem Fußball-Fachmann ersparen sollte.

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