Hertha BSC Berlin
Ein Fall für die Bilanzpolizei

Die Bahn kam ausnahmsweise gerade recht. Bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC am Montag Abend verkündete Manager Dieter Hoeneß stolz die neue Liaison mit der Deutschen Bahn. 24 Mill. Euro zahlt das Unternehmen in den kommenden drei Jahren dafür, mit seinem Schriftzug auf der Hertha-Brust werben zu dürfen.

BERLIN. Finanziell betrachtet war es die einzige positive Nachricht an einem Abend, an dem Hoeneß sogar ein Antrag zur Abwahl des Aufsichtsrates befürchten musste. Da half es auch nichts, dass er den Deal mit der Bahn als den 50-fachen Wert dessen anpries, was „wir von unserem ersten Hauptsponsor erhalten haben, als ich vor zehn Jahren angetreten bin“.

Dass sich die Schulden im gleichen Zeitraum ebenso vervielfacht haben, hatte die Berliner Morgenpost bereits vorweggenommen. Am Sonntag berichtete das Blatt, dass die Verbindlichkeiten in diesem Jahr mit 44,12 Mill. Euro deutlich höher sein würden als die zuvor angenommenen 35 Mill. Euro. Bis zum Sommer, gestand Hertha-Geschäftsführer Ingo Schiller, erreichten die Schulden mit 48,9 Mill. Euro sogar einen neuen Höchststand.

In der abgelaufenen Spielzeit habe Hertha BSC Berlin die Planzahlen nicht einhalten können. Bei der Vermarktung des Olympiastadions habe der Absatz im Bereich Business-Plätze nicht den Erwartungen entsprochen, sagte Schiller. Der Verein schließt die Saison dadurch mit einem Verlust von 13,6 Mill. Euro ab.

Angesichts dieses Rechenwerks wurden Schiller und Hoeneß nicht müde, die Horrorzahlen verbal zu frisieren: Bis zum Jahr 2010 sollen die Verbindlichkeiten bis auf 20,1 Mill. Euro gesenkt werden, sagte Schiller. Bis dahin sei auch die Liquidität gesichert. „Wir sind auf einem soliden und gesunden Weg“, sagte Hoeneß. Schließlich seien die Verbindlichkeiten nicht entscheidend, da die Marke Hertha zwischen 100 und 150 Mill. Euro wert ist. Aha!

Wie die Hertha wohl auf derlei Zahlen kommt, ist indes schwer zu glauben. Schließlich steckt in der Bilanz allerlei Kosmetik. Weil der Hertha bereits Ende 2004 der Lizenzentzug durch die DFL drohte, gliederte der Verein seine VIP-Logen und die Business-Plätze in die Hertha BSC Rechte GmbH & Co. KG aus, verbuchte die künftig zu erwartenden Einnahmen als Sacheinlage und hob dabei stille Reserven in Höhe von 28,04 Mill. Euro, gutachterlich bestätigt vom Wirtschaftsprüfer KPMG.

Damit verbuchte die Hertha Einnahmen aus Rechten als Umsatzerlöse, die ihr frühestens im Jahr 2009 wieder zufließen, weil sie die gleichen Rechte bereits 2003 im Wege des Sale-and-Lease-back-Verfahrens für 15 Mill. Euro an eine Zweckgesellschaft namens AGV GmbH verkauft hat. „Im Ergebnis hat der Verein 43 Mill. Euro Eigenkapital erhöhend realisiert, denen nur die laufenden Mieteinnahmen für das Olympiastadion gegenüber stehen“, sagt Wirtschaftsprüfer Wolf-Dieter Hoffmann aus Freiburg. „Diese Bilanzgestaltung ist mit Sicherheit einmalig.“ Zumal es nicht der einzige Griff in den Schminkkoffer war: Ebenfalls Ende 2004 hat der Klub den Vertrag mit der Vermarktungsagentur Sportfive vorzeitig für die Zeit vom 1.7.2009 bis zum 30.6.2014 verlängert. Dafür verpflichtete sich Sportfive, eine Vertragsgebühr von acht Mill. Euro zu bezahlen. Und davon finden sich bereits 7,5 Mill. Euro im Jahresabschluss der Hertha zum 30.6.2004 wieder. Auf Bilanzierungsregeln wie die passive Rechnungsabgrenzung oder eine Gewinnrealisierung ab 2009 hat die Hertha einfach verzichtet. „Das ist ein Fall für die Bilanzpolizei“, fordert Hoffmann, immerhin firmiere Hertha als Kommanditgesellschaft auf Aktien und habe eine Anleihe an der Börse eingeführt.

Wie angespannt die finanzielle Lage des Klubs ist, zeigt auch der Vollstreckungsaufschub über sieben Mill. Euro, den der Bundesligist mit dem Finanzamt ausgehandelt hat. Und schließlich haben Schiller und Hoeneß auch noch 510 000 Euro ihrer Bezüge gestundet. Damit und mit der Bahn haben sie es an diesem Abend irgendwie geschafft, die Mitglieder ruhig zu stellen. Nur 190 der über 1 000 Anwesenden stimmten für die Abwahl des Aufsichtsrates.

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