Hörfunkrechte-Auktion: Sport1 stellt Fußballradio 90elf ins Abseits

Hörfunkrechte-Auktion
Sport1 stellt Fußballradio 90elf ins Abseits

Wer brillante Fußball-Kommentatoren hören wollte, schaltete den Ton am TV aus und das Webradio 90elf ein. Dass damit jetzt Schluss ist, erzürnt Fans und Macher des Radios. Die Gewinner dagegen sind die ARD – und Sport1.
  • 4

Bestürzung, Trauer, Wut: Die Fußball-Fangemeinde trauert, etwa auf Facebook, um ihr liebgewonnenes Fußballradio 90elf, das künftig Fußball nicht mehr live übertragen darf und damit vor dem Aus steht. „Fakt ist: Ab der kommenden Saison dürfen wir die Spiele der Bundesliga und 2. Bundesliga nicht mehr übertragen“, schreiben die Macher des Fußball-Webradios mit Sitz in Leipzig. Sport1 hat sich wie am Dienstag bekannt wurde, die Rechte per Bieterverfahren gesichert. Im Minutentakt wird seitdem auf der Pinnwand des Senders kondoliert.

„Das ist wirklich traurig [...] Hier in Mexiko war das eine der ganz wenigen Möglichkeiten, deutschen Fußball zu genießen: Kopf hoch“, meldet sich Karsten Lemke aus der Ferne. „Ein Riesenskandal“, findet Paul Werthmann. Etliche Fans machen bereits kreative Vorschläge, um das Projekt zu retten: vom Umschwenken auf die dritte Liga bis zu Übertragungen aus dem Studio statt aus dem Stadion.

„Wir erleben im Netz heute einen Candystorm – Zucker von allen Seiten“, sagt Nico Nickel, Sprecher des Senders 90elf, der 2011 den Deutschen Radiopreis als beste Innovation erhielt. Ein schwacher Trost. Zur Zukunft gibt es noch keine Aussagen. Man setze sich in Kürze zusammen, um alle Optionen in Ruhe zu durchdenken. 800.000 Nutzer hatten sich in dieser Saison die App für die mobile Nutzung heruntergeladen. Die Nettoreichweite an einem durchschnittlichen Spieltag betrug 400.000 Hörer – das ermittelte jüngst die Forschungsgruppe Medien. Befragt wurden allerdings nur Männer bis 59 Jahre.

20 feste Mitarbeiter sowie 20 freie Kommentatoren sind bei 90elf betroffen, darunter auch die Reporter-Legende Manni Breuckmann. Er äußerte sich in einem Interview ebenfalls enttäuscht: „Es ist sehr, sehr schade, dass das, was da in fünf Jahren mühsam und engagiert aufgebaut wurde, jetzt zerstört wird“, sagte Breuckmann dem Leipziger Sender „mephisto 97.6“. Ob er künftig bei Sport1, dem am Dienstag gekürten Gewinner der Hörfunkrechte-Auktion, arbeiten werde, ließ er offen.

Und sein Reporter-Kollege Günther Koch, der 90elf mitentwickelt hat, bloggt frustriert: „Am Konzept, an der Präsentation und an den Mitarbeitern kann es nicht gelegen haben! Geld regiert (auch die Fußball-) Welt. Ein Jammer ist das.“

Allem Trübsal zum Trotz: Auch künftig wird es Radioübertragungen der Bundesliga geben – auch per Webradio und über mobile Endgeräte. Im Wettbieten um die Bundesliga-Hörfunkrechte hatte Sport1 für die größte Überraschung gesorgt – und das Leipziger Webradio 90elf mit einem höheren Gebot für die kommenden vier Spielzeiten abgelöst. Weitersenden hingegen darf die ARD auf den UKW-Frequenzen. Dabei ist zu vermuten, dass hier der Zuschlag mangels Konkurrenz zu sogar günstigeren Konditionen als bisher gegeben wurde.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat mit der erstmaligen Ausschreibung der Audioverwertungsrechte insgesamt vermutlich keine Mehreinnahmen erzielen können. Die erzielte Gesamtsumme dürfte sich nach Handelsblatt-Informationen erneut bei rund 6,8 Millionen Euro über alle Rechtepakete pro Jahr einpegeln. Marktkenner waren in den Jahren zuvor von einer Gesamtsumme in gleicher Höhe ausgegangen, die auf Basis bilateraler Verhandlungen erzielt wurde.

Nun verschieben sich die Einnahmebestandteile: Das Paket „Audio Broadcast” verbilligt sich nach unbestätigten Angaben für die ARD um rund eine Million Euro auf 5,5 Millionen Euro, während die Mobil- und Internetradiorechte („Netcast”) deutlich teurer werden als bisher. Die Rede ist in Bieterkreisen von einem hohen sechsstelligen Betrag, den Sport1 zahlt.

Seite 1:

Sport1 stellt Fußballradio 90elf ins Abseits

Seite 2:

90elf vor ungewisser Zukunft

Seite 3:

ARD bleibt bis 2016/17 live am Ball

Kommentare zu " Hörfunkrechte-Auktion: Sport1 stellt Fußballradio 90elf ins Abseits"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Soso, 90elf steht auf gesunden Füßen? Da habe ich etwas ganz anderes gehört. Es hält sich das zugegeben recht bösartige Gerücht in der Szene, Veranstalter Regiocast habe für 90elf bewusst ein niedriges Gebot eingereicht um den Sender ohne Gesichtsverlust einstellen zu können. Der Sündenbock ist nun die DFL.

  • Ja, wirklich schade und unglaublich, dass sowas reguliert wird. Also darf ich nicht über Radio ein Spiel kommentieren, noch nicht mal über einen livestream im Internet? Wahnsinn, irgendwie auch beängstigend und wütend machend.

  • @prost

    Mit ihrem Vorschlag würde sich 90elf ab kommender Saison strafbar machen. 90elf verweist bereits heute darauf, dass sie für manche internationale Spiele keine Rechte besitzen und deswegen eine Schaltung rechtlich nicht möglich ist. So können eben manche Spiele des Europapokals bzw Champions League nicht live kommentiert werden.

    Eine Kommentieren über Fernseh schauen ist rechtlich genauso illegal wie ein unerlaubtes Kommentieren live aus dem Stadion heraus. Man muss zwingend die passenden Übertragungsrechte besitzen.

    Ich persönlich finde die Entscheidung gegen 90elf wirklich traurig. 90elf macht einen hervorragenden Job. Sehr häufig habe ich mittlerweile das Spiel bei Sky geschaut, dort den Ton abgeschaltet (aufgrund unsäglicher Kommentatoren) und dann 90elf eingeschaltet. Die Lösung war für mich einfach herrlich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%