HSV gegen FCB
Risikokapital fordert Festgeldkonto

Der Hamburger SV findet in der Bundesliga ganz langsam wieder in die Spur. Finanziell spielen die Hanseaten dabei jedoch auf Risiko. Nun geht es gegen Bayern München – und damit gegen ein ganz anderes System.
  • 0

DüsseldorfSeit 50 Jahren gibt es die Bundesliga. Seit 50 Jahren ist der Hamburger SV dabei. Das ist Rekord und einmalig im deutschen Fußball. Über die Jahrzehnte hat jedes einzelne Gründungsmitglied mindestens einmal der Abstieg ereilt. Der HSV ist der zweiten Liga immer von der Schippe gesprungen, zuletzt noch in der Vorsaison. Nach einem total verkorksten Saisonstart schielt man in Hamburg nun ganz langsam wieder nach oben. Seitdem Rafael van der Vaart und Milan Badelj das Team verstärkt haben, wirken ganze Mannschaftsteile wie ausgewechselt – im positiven Sinne. Der sportliche Aufschwung geht sogar so weit, dass Sportchef Frank Arnesen und Trainer Thorsten Fink zuletzt verhaltene Kampfansagen in Richtung des nächsten Gegners geschickt haben: den FC Bayern München. Gerade der Ex-Bayer Fink wollte seine Worte „sie sind nicht unverwundbar“ und „ich will sie schlagen“ zwar nicht als solche verstanden haben; mehr als ein Mittelfeldplatz sei nicht realistisch in dieser Spielzeit, relativiert er schließlich fortwährend. Im schnelllebigen Hamburger Umfeld jedoch bleibt Anspruchsdenken nie lange aus. Und die derzeitige Euphorie verdeckt eine ganze Reihe von Problemen wirtschaftlicher Natur.

„Mit den Transfers von van der Vaart und Petr Jiracek haben wir Ende August zwei Schritte nach vorne gemacht, die ursprünglich in diesem Sommer nicht geplant waren. Dieses Team hat nun eine große Qualität, die nur noch sukzessive ergänzt werden muss, damit es in der kommenden Saison auch um die internationalen Plätze mitspielen kann“, sagte Sportdirektor Arnesen den Tageszeitungen „Hamburger Abendblatt“ und „Die Welt“.

Das Gegenteil davon verkörpert der FC Bayern München. Nicht, dass das Umfeld nicht explosiv wäre. Nicht, dass Umfeld und Anhänger anspruchslos wären. Und nicht, dass der FCB nicht dicke Summen für Spielertransfers auf den Tisch legen würde. Aber seit Jahrzehnten gelten die Münchener als weltweites Vorbild für solide Finanzierung. Vereinspräsident und Ex-Manager Uli Hoeneß trägt daran den wohl größten Anteil. Geschickt münzte er sportlichen Erfolg in finanziellen Rückhalt um. Unter Hoeneß wurde das viel zitierte Münchener Festgeldkonto zum geflügelten Wort. HSV gegen FCB, das ist in diesen Tagen nicht nur Nord gegen Süd, das ist vor allem Risikokapital versus Geldspeicher. Eigentlich erstaunlich, denn vom Potenzial und der Erfolgsgeschichte her stehen sich kaum zwei Vereine in Deutschland so nah wie diese Kontrahenten.

Zum 95. Mal in der Bundesliga-Geschichte treffen die Vereine aufeinander. Ein sportliches Gipfeltreffen, wie in den 1970ern und frühen 1980er-Jahren, ist die Begegnung nicht mehr. Vor rund 30 Jahren dominierte der HSV zwischenzeitlich die Liga, wurde zweimal in Folge Meister und gewann den Europapokal der Landesmeister. Kevin Keegan versprühte internationalen Glanz, Manfred Kaltz und Horst Hrubesch begeisterten auch in der Nationalmannschaft. Hamburg, zu diesem Zeitpunkt vielleicht Deutschlands einzige wirkliche Weltstadt, verinnerlichte den Erfolg. Doch Mitte der 1980er-Jahre ging irgendetwas beim Umbau schief. Der Verein taumelte ins sportliche Mittelmaß und hatte trotz Fan-Massen und weltweiter Marke, in den 1990er-Jahren existenziell bedrohliche finanzielle Probleme. Erst nach der Jahrtausendwende, in der Ära Hoffmann/Beiersdorfer, flackerte der Glanz alter Tage schwach auf: Zwei Champions-League-Teilnahmen, zweimal Europa-League-Halbfinale und immer wieder erstaunlich große finanzielle Reserven. In Hamburg entstand das seinerzeit modernste Stadion der Liga.

Im gleichen Zeitraum eilten die Münchener von Erfolg zu Erfolg. Seit 1992 ist der FC Bayern Jahr für Jahr international vertreten. Prämien, Sponsoren- und Eintrittsgelder, alles wird gewinnbringend eingebracht. Und das, ohne auch jemals einen Hauch von Bescheidenheit an den Tag zu legen. Die Bayern haben stets bekommen, was sie wollten und scheuen dabei bis heute auch keine größeren Ausgaben. Nur zahlen die Münchener auch einen 40-Millionen-Euro-Transfer wie Javi Martinez komplett aus eigenem Vermögen. Und zwar ohne um die eigenen Rücklagen zu fürchten. Wie genau der Verein das anstellt, bleibt Betriebsgeheimnis. Klar ist nur, dass das System auf dem Weitblick eines in Schwaben geborenen Wurstfabrikanten fußt. Es ist dieser Faktor, der die Bayern, ob man sie mag oder nicht, so schwer dauerhaft zu überholen macht. Es ist der Vorsprung auf dem Feld der Kontinuität.

Kommentare zu " HSV gegen FCB: Risikokapital fordert Festgeldkonto"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%