„Ich muss das nun alles sacken lassen“
Fan-Jubel kann Klinsmann nicht umstimmen

Trotz des riesigen Jubels um die deutsche Nationalelf ist die Zukunft von Jürgen Klinsmann auch nach dem Spiel um den dritten WM-Platz weiter offen. "Ich muss das nun alles sacken lassen", sagte der Bundestrainer.

Nach dem Erreichen des dritten Platztes bei der WM im eigenen Land kannte der Jubel um die Nationalmannschaft in Deutschland keine Grenzen. Doch selbst als seine eigenen Gefühle verrückt spielten, sich das Land im Ausnahmezustand befand und ihm ganz Deutschland endgültig zu Füßen lag, ließ sich Jürgen Klinsmann nicht erweichen. Zwar ist die "T-Frage" längst zu einer Angelegenheit von nationaler Tragweite geworden, der Bundestrainer wollte sich aber auch nach einem denkwürdigen Spiel um Platz drei und nach einem begeisterndem WM-Ausklang am Sonntag auf der Fan-Meile in Berlin von den "Liebesbekundungen" aus allen Richtungen nicht beeinflussen lassen.

"Ich muss das nun alles sacken lassen. Es ist so viel passiert in den letzten zwei Jahren und insbesondere in den letzten Wochen. Ich brauche ein paar Tage, um das zu verstehen", sagte der 41-Jährige nach dem 3:1 (0:0) in Stuttgart gegen Portugal im kleinen WM-Finale um Platz drei und fügte vor dem Abflug in den Urlaub an: "Ob ich das dann überhaupt ordnen kann, weiß ich nicht."

Klinsmann: "Das ist nicht zu toppen"

Auf jeden Fall hatte Klinsmann, der bei der Siegerehrung in Stuttgart von Bundeskanzlerin Angela Merkel herzlich umarmt wurde, erhebliche Probleme, die eigene Gefühlswelt zu ordnen: "So viele Dinge rasen durch den Kopf. Was hier passiert, das ist der absolute Wahnsinn. Das kann man kaum in Worte fassen. Es wurde alles noch einmal getoppt. Das sind wundervolle Momente und Bilder, die man nicht vergisst. Das ist nicht zu toppen."

Schon im Stadion wollten bei den "Weltmeistern der Herzen" Umarmungen und Jubelszenen gar kein Ende nehmen. Während die Spieler ihre verdiente Ehrenrunde liefen, wurde Klinsmann von 52 000 Zuschauern frenetisch gefeiert. Er selbst stand meist Arm in Arm mit seinem Assistenten Joachim Löw, Bierhoff und Torwarttrainer Andreas Köpke auf dem Spielfeld und sah sich, die Bronzemedaille um den Hals, lachend und ausgelassen das bunte Treiben um ihn herum und das Feuerwerk am Stuttgarter Nachthimmel an.

Immer wieder wurde der Bundestrainer auch von seinen Spielern geherzt, so, als wollten sie ihn auf diese Weise zum Bleiben bewegen. Doch das einzige, was blieb, war auch bei den DFB-Stars ein Gefühl der Unsicherheit. "Ich würde es sagen, wenn ich 100-prozentig überzeugt wäre. Aber das bin ich nicht", äußerte sich Torwart Jens Lehmann zur Trainerfrage und ergänzte vieldeutig: Über die eigene Zukunft müsse er sich jetzt erst einmal Gedanken machen, "weil es davon abhängt, welcher Trainer jetzt kommt."

Ballack setzt auf "Einzelgespräche"

Kapitän Michael Ballack war auf jeden Fall bemüht, den Trainer beim einen oder anderen Bier in "Einzelgesprächen" zu überzeugen, "dass er weitermachen soll - wenn er sich nicht schon entschieden hat." Sollte die Antwort negativ ausfallen, hätte Ballack dafür aber sogar Verständnis, "weil er lange Zeit ziemlichen Gegenwind bekommen hat. Da hat er sehr, sehr kämpfen müssen. Das ist ihm teilweise sehr nahe gegangen ist, da kann ich ihn auch verstehen, dass er überlegt".

Inzwischen erfreut sich Klinsmann nach einem Turnier, das die deutschen Erwartungen weit übertroffen hat und bei dem er seine positive Energie auf eine ganze Nation übertragen hat, aber uneingeschränkter Zuneigung. Deutschland einig Klinsi-Land. Ob Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Verbandspräsident, Kaiser, Spieler oder Fans - alle sind für Klinsmann und haben die größte Kampagne in Gang gesetzt, die Fußball-Deutschland je gesehen hat.

Bilder von der Feier auf der Berliner Fanmeile

Doch dass der ständig steigende Druck Klinsmann in seiner Entscheidung beeinflussen könnte, davon ist nicht auszugehen. Schon immer hat sich der frühere Torjäger in seiner Karriere von den Erwartungen der Öffentlichkeit freigemacht und nur seine persönlichen Ziele verfolgt. Der 41-Jährige wird sich nun mit seiner Familie in den Urlaub verabschieden und sich Gedanken machen.

Am Samstag und Sonntag wollte er aber zunächst nur eins: Den Augenblick genießen und feiern. Zusammen mit seinen Spielern machte er zunächst bei einer internen Fete in Stuttgart die Nacht zum Tage, in Berlin ging die rauschende Party am Mittag mit rund einer Million Fans am Brandenburger Tor weiter.

"Diese Truppe ist einfach geil"

Dabei machte er immer wieder deutlich, "wahnsinnig stolz auf meine Mannschaft zu sein. Was sie bei diesem Turnier geleistet hat, ist unbeschreiblich. Dafür finde ich fast keine Worte. Diese Truppe ist einfach geil".

Bierhoff sprach von einem "unglaublichen Job", den Klinsmann gemacht habe. "Er hat dem deutschen Fußball Hoffnung auf die Zukunft gegeben." Die wichtigsten Erkenntnisse für den Bundestrainer selbst waren, "dass man auf deutsche Talente bauen muss, dass man ein Fundament hat, auf dem man aufbauen kann und dass wir mit den großen Mannschaften mithalten konnten."

Klinsmann betonte, dass er sich den Spielern durchaus verpflichtet fühlt. "In den zwei Jahren ist eine sehr enge Bindung zu dieser Generation entstanden", sagte er, fügte aber auch an: "Egal wie meine Entscheidung ausfällt, eine Nähe wird immer da sein."

© SID

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