Im Club des Milliardärs
Hopp, Hopp, hurra!

Ein deutsches Märchen: Ein kleines Dorf steigt am Wochenende in die Erste Fußball-Bundesliga auf, wenn nichts dazwischenkommt. Für die TSG 1899 Hoffenheim wäre das ein wahr gewordener Traum. Für den Mäzen Dietmar Hopp ein Business mit ganz großen Heimatgefühlen.

HOFFENHEIM. Wenn die Nacht um 22 Uhr den Tag erschlägt und nur Finsternis überlebt, jault in Hoffenheim keiner auf. Keine Katze, kein Hund, kein Niemand. Zeugen der Nacht gibt es nicht, allein die Holzwürmer in den faulenden Fachwerkhäusern treibt es nach draußen. Dann ist es so still wie sonst nur zur Mittagszeit, wenn die Bäckerei Krotz dicht ist, der Lottoladen die Rollläden runterlässt und keiner bei „Ihre Kette“ einkauft.

Nur selten kreuzen Fremde in der Nacht auf. „What? No Gaststätte? Where the hell are we?“ Nicht mal 'ne Dorfkneipe gibt's. Ungläubig zieht der entgeisterte Südafrikaner die Augenbrauen steil wie eine durchstartende Concorde hoch. Ihn hat das Fußballvirus gepackt und jenseits von Afrika ins 3 258-Seelen-Nest Hoffenheim, Germany, getrieben.

Neulich waren in dem Kaff selbst die Tage zur Nacht geworden. „Da war das ganze Dorf tot“, erzählt Hans Seyfert, 60, Zeugwart und Maskottchen der „TSG 1899 Hoffenheim“. 71 Busse voller Einheimischer waren zum Fußballspiel nach Dortmund gerollt, wenig später ließen sich 4 000 Fans zur Schlacht nach Köln karren. „Vom Fußball sind alle betroffen, selbst wenn sie keinen Spielernamen kennen, keinen blauweißen Wimpel raushängen und nie im Stadion waren“, schwelgt Schrankenwärter Harald Weber, kurbelt die Schranke am Bahnübergang per Hand runter und stellt alle Signale auf Grün.

Nachts tropft nur an der Ecke Sinsheimer/Eschelbacher Straße noch müdes Licht auf die verödete B 45, die das ganze Dorf durchschneidet. Mehmed Akseven hält in seinem „Memo Bistro-Pizzeria-Kebab-Dönerladen“ bis Mitternacht durch.Ein Döner-Schuppen, der vom Gastarbeiter-Deutschland kündet und in dem tagsüber die endlosen Lastwagen-Karawanen die Scheiben erzittern lassen.

Ganz normal aber ist die Bude nicht. Das Haus, in dem sich jetzt Fernfahrer und Türken Döner und Tee reinziehen, war einst das Elternhaus des kleinen Dietmar, des Sohns eines hartherzigen Lehrers. Dieser war zum späten, aber nachhaltigen Entsetzen des Sohnes bei den Nazis in Judendeportationen verstrickt. Und nach dem „1 000-jährigen Reich“ hat er dem Bub für alle weiteren Ewigkeiten das Balltreten bei „Hoffe“ verboten. Das hat dem Dietmar damals mehr zugesetzt als alles andere.

Aber womöglich war Papas Rempler gegen den fußballjecken Sohn der Start-up zu einem weitaus tolleren, milliardenschweren Spiel. Denn aus Dietmar wurde der SAP-Gründer Hopp, einer der reichsten Männer der Republik. Jetzt gebietet der auch über die TSG, die er – wie es alle großen Profivereine tun – in eine GmbH verwandelt hat. Und die soll am Sonntag in die Bundesliga aufsteigen. Gerade dieser Tage will deshalb auch keiner bestreiten, dass an der Kreuzung zur B 45 die Wiege des Bundesligisten „TSG 1899 Hoffenheim“ steht.

In weiser Voraussicht zieht Ahmed jeden Spieltag Punkt zwölf Uhr das blauweiße Trikot „1899 Freunde“ über. Denn so machen's alle Geschäftsleute von Sinsheim bis Zuzenhausen. Dann demonstrieren sie, wie nicht nur Fans mit Mini-Wimpeln, sondern auch Geschäftige mit Maxi-Mercedes die Nähe zum Verein suchen. Vor allem zu Hopp selber, den Fußball-Zeus, der vom Geld-Olymp auf ihren Fußballacker herabstieg, um der verstaubten Region ein neues Gemeinschaftsgefühl zu schenken: den Schimmer vom großen Glück.

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