Interview: Karl Heinz-Rummenigge
„Wir sind keine Hasardeure“

Der Vorstandschef des FC Bayern München im Gespräch mit dem Handelsblatt über die heute beginnende Saison, den internationalen Stellenwert der Bundesliga, die Einkaufspolitik seines Vereins und seine Bewertung des Fußballskandals in Italien.

Herr Rummenigge, eine WM im eigenen Land, tolle deutsche Leistungen, große Euphorie und dann: eine katastrophale Saisonvorbereitung der Bayern, ein 0:6 zum Bundesliga-Auftakt und am Saisonende Platz 10. Wie haben Sie das erlebt im Sommer 1974?

Da kann ich mich in der Tat noch sehr gut dran erinnern. Ich kam damals gerade als junger Spieler neu zum großen FC Bayern, und dann lief nichts. Die Nationalspieler hatten nur zwei Wochen Urlaub und danach zwei Wochen Vorbereitung aber in diesen zwei Wochen haben wir zehn Spiele absolviert! Der Verein wollte damals Geld mit all den Stars, Beckenbauer, Müller und Maier verdienen und ist deshalb mit uns über die Dörfer getingelt. Entsprechend waren wir beieinander, als wir dann gegen Offenbach zum Punktspielstart antraten.

Parallelen zur heutigen Situation scheinen da nicht völlig aus der Luft gegriffen, zumal die Mannschaft wieder den aufwendigen Werbe-Trip nach Japan machen musste und im letzten Test gab es ein 0:3 gegen 1860.

Ich sehe eine Parallele: Jede WM bringt für Klubs wie den FC Bayern solche Probleme mit sich. Wir hatten elf Spieler dort, und eines ist klar: Nach so einer WM, die Spielern nicht nur körperlich sondern auch mental alles abverlangt, zumal im eigenen Land, sind die Spieler leer, in jeder Beziehung. Sie bräuchten eigentlich vier Wochen Urlaub. Die konnten wir ihnen leider nicht geben, weil bei uns die Saison viel zu früh anfängt. In Italien oder Spanien etwa trägt man dem viel besser Rechnung, weil dort die Spielergewerkschaften vier Wochen Urlaub durchgedrückt haben.

Jetzt hatten viele Spieler drei Wochen Urlaub.

Das ist zu wenig zum Regenerieren. Und danach haben sie bis zum Bundesligastart weniger als zwei Wochen Vorbereitungszeit. Wir stehen da ja vor keinem Problem, das unerwartet kommt. Uns war allen klar, dass diese Zwischenphase viel zu kurz wird und das für die Trainer mit einem Seiltanz verbunden ist.

Und die Asien-Reise hätten sie nicht stornieren können?

Wir haben eine Kooperation. Man muss irgendwann wissen, was man tut. Will man im Ausland präsent sein, dann muss man auch hin. Wir haben das ja schon so kurz wie möglich gehalten, waren 36 Stunden vor Ort. Wir wissen alle, dass das nicht optimal ist, aber es gibt eben manche Obligationen, denen man sich fügen muss.

Gegenüber den meisten Vereinen ist das sicher ein Nachteil ...

... gegenüber allen. Werder Bremen hatte fünf Mann bei der WM, der HSV sechs, und Schalke nur den Gerald Asamoah und hinten den Mladen Krstajic. Wir hatten elf Spieler dort. Auf der einen Seite ist das schön, jetzt aber sehen wir die Kehrseite.

Sie haben daher schon mal prophylaktisch einen Fehlstart in Aussicht gestellt.

Nein, wir haben keinen Fehlstart in Aussicht gestellt. Die Kritik kam ja schon nach dem verlorenen Ligapokal-Finale auf. Wir versuchen ganz einfach, die Dinge nach außen zu erklären, damit die Fans verstehen, warum die Mannschaft nicht in der gewünschten Form ist. Mir wäre auch sehr recht, wir würden Borussia Dortmund 3:0 wegfegen, aber ich weiß, dass das unter normalen Umständen zurzeit nicht möglich ist.

Seite 1:

„Wir sind keine Hasardeure“

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%