Interview:Karl-Heinz Schnellinger
Schnellinger: „Der DFB hat mich vergessen"

Er war der Torschütze im Jahrhundertspiel zwischen Italien und Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1970. Auch 36 Jahre nach dem Spiel schwelgt Karl Heinz Schnelliger noch in seinen Erinnerungen.

Handelsblatt: Herr Schnellinger, WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien. Erinnerungen an das so genannte Jahrhundertspiel 1970 in Mexiko werden bei vielen wach. Geht es ihnen auch so?

Schnellinger: Ach, über die Partie ist so viel geredet und geschrieben worden. Verzeihen sie mir den Ausdruck, aber in den ersten 90 Minuten war es ganz einfach ein Scheiß-Spiel. Da ist nicht viel passiert. Hätte es nicht die Verlängerung gegeben, würde heute kein Hahn mehr danach krähen. Was dann geschah, war ja tatsächlich unglaublich spannend.

Dann haben wir es hauptsächlich Ihnen zu verdanken, dass es das Jahrhundertspiel von Mexico City gibt. "Ausgerechnet Schnellinger" sagte Kommentator Ernst Huberty als Sie, der Italien-Legionär, in der 90. Minute zum Ausgleich trafen und Deutschland in die Verlängerung retteten.

Schnellinger: Bloß weil ich damals beim AC Mailand in Italien spielte. Als hätte ich deshalb Ärger bekommen, wenn wir in der Verlängerung gewonnen hätten. Nachdem der Ball im Tor war, habe ich keine Sekunde über diese Konstellation oder etwaige Folgen nachgedacht. Ich war Profi, der nur seine Pflicht getan hat. So wie ich es im Europapokal auch gegen deutsche Mannschaften getan habe.

Wie wurden Sie nach der WM in Italien empfangen?

Schnellinger: Die Italiener haben ja gewonnen. Für die war die Sache ja gut ausgegangen. Also war das alles sowieso kein Problem.

36 Jahre später versucht der italienische Fußball bei der WM wenigstens für ein paar Wochen seinen Korruptionsskandal zu vergessen.

Schnellinger: Viele Leute tun so, als wäre das typisch Italien, was passiert ist. Es gab auch in Deutschland oder Argentinien Fußball-Skandale. Die Sache ist trotz WM in der italienischen Öffentlichkeit präsent. Aber ich glaube nicht, dass der Skandal die Spieler unmittelbar belastet und Einfluss auf ihre Leistungen hat. Fußballspielen ist so schön, da vergisst man viele negative Dinge dabei.

Werden Sie in Dortmund im Stadion sein?

Schnellinger: Nein, ich schaue mir das Spiel zuhause am Fernseher an - zusammen mit meinen italienischen Schwiegersöhnen. Die Situation ist wieder mal nicht ganz einfach für mich (lacht).

Gab es denn keine Einladung vom DFB?

Schnellinger: Nein leider nicht. Der deutsche Fußball hat mich vergessen. Ich habe 20 Jahre lang für Deutschland gespielt und war bei vier Weltmeisterschaften dabei. Da ist es schon sehr bedauerlich, dass man vom deutschen Fußball-Verband nichts mehr hört und sieht.

Sie leben seit vielen Jahren in Mailand. Fühlen Sie sich mehr als Italiener oder als Deutscher?

Schnellinger: Ich bin Europäer. Es ist doch egal, ob ich in Mailand oder Köln lebe. 1963 als ich nach Italien ging, habe ich mich schon als Europäer gefühlt. Man hat mir geraten, ich solle mir meine blonden Haare färben. So einen Quatsch habe ich natürlich nicht gemacht. Ich bin der Karl-Heinz Schnellinger geblieben und hatte keine Probleme.

Was sagen Sie aus der Ferne zur Leistung der deutschen Nationalmannschaft, der vor dem Turnier im eigenen Land niemand viel zugetraut hat?

Schnellinger: Man kann eine WM mit einer nationalen Meisterschaft vergleichen. Sie dauert halt nur vier Wochen. Es ist normal, dass man zusammenwächst und sich steigert.

Und wer geht heute als Sieger vom Platz?

Schnellinger: Ich gebe keinen Tipp ab. Ich habe ja schon auf meine schwierige Situation hingewiesen (lacht). Ich wünsche mir, dass es ein faires und sowohl spielerisch als auch kämpferisch starkes Spiel wird.

Karl-Heinz Schnellinger ist 67 Jahre alt und in Düren bei Köln geboren. Schnellinger war einer der erste erfolgreichen deutschen Fußballer im Ausland. Er spielte in Italien für den FC Mantua (1963/1964), den AS Rom (1964/1965) und den AC Mailand (1965 bis 1974). Am Ende seiner Laufbahn wechselte Schnellinger in die Bundesliga zu Tennis Borussia Berlin. Seine größten Erfolge feierte Schnellinger beim AC Mailand, mit dem er italienischer Meister wurde und den Europapokal der Landesmeister sowie den Weltpokal holte. Schnellinger spielte 47-mal für Deutschland und schoss dabei ein Länderspieltor, und zwar 1970 beim Jahrhundertspiel gegen Italien. Heute noch lebt Schnellinger in Italien und arbeit als PR-Chef für ein französisch-italienisches Lebensmittelunternehmen.

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