Interview mit der französischen Fußball-Legende
Platini: "Die WM war ein wunderbares Fest"

Als "wunderbares Fest" hat Michel Platini die WM 2006 in Deutschland bezeichnet. Einzig fußballerisch "stand sie nicht auf hohem Niveau", so Frankreichs Fußball-Ikone im Interview mit dem sid.

Frankreichs Fußball-Ikone Michel Platini hat ein differenziertes Fazit der Weltmeisterschaft in Deutschland gezogen. "Sie lebte von den Emotionen, der Spannung. Fußballerisch stand sie nicht auf hohem Niveau", bilanzierte der 51-Jährige im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid):

sid: "Michel Platini, Sie sind ehemaliger Weltklasse-Fußballer und heute Mitglied im Exekutivkomitee des Weltverbandes Fifa und der Europäischen Fußball-Union Uefa. Wie ist Ihr Fazit dieser Weltmeisterschaft?"

Platini: "Sie lebte von den Emotionen, der Spannung. Fußballerisch stand sie nicht auf hohem Niveau."

sid: "Aus welchen Gründen?"

Platini: "Es fehlten die Überraschungen, die Entdeckungen. Alle Spieler, auch die aus Argentinien oder Brasilien, stehen bei europäischen Spitzenvereinen unter Vertrag, spielen in der Champions League. Man kennt sich."

sid: "Frankreich, Italien und andere haben mit nur einer Spitze gespielt. Macht das die Aufgabe für kreative Mittelfeldspieler schwieriger, weil Anspielstationen fehlen?"

Platini (lacht): "Ja, ja, ein Kind, das heute Stürmer werden will, muss wissen, dass es zum Einzelkämpfer wird und keine Partner mehr hat. Aber im Ernst: Es geht darum, wie taktisch gebildet und wie aufeinander abgestimmt das Mittelfeld ist, wenn man nur noch einen Stürmer hat. Da muss dann der Ball laufen, die Positionen besetzt werden."

sid: "Hat die Tatsache, dass vier europäische Mannschaften im Halbfinale standen, eine grundsätzliche Bedeutung?"

Platini: "Nur weil Argentinien einen Elfmeter zu viel verschossen hat? Nein."

sid: "Und Brasilien?"

Platini: "Hat von Beginn an emotionslos gespielt. Ronaldinho ist der derzeit beste Mittelfeldspeler der Welt, aber bei der WM blieb er blass. Weshalb, vermag ich nicht zu sagen."

sid: Enttäuscht über Afrika?"

Platini: "Nein. Das waren ja bis auf Tunesien alles Neulinge, denen hat die Erfahrung gefehlt; da kann ihnen kein Vorwurf gemacht werden. Die Dinosaurier waren ja nicht mehr da. Afrika lernt nicht bei eier Weltmeisterschaft, sondern durch die Entwicklungsarbeit, die die Fifa leistet. Ein guter Fußballer wird ja nicht per Definition als Brasilianer geboren."

Bilder von der Feier auf der Berliner Fanmeile

sid: "Uns interessiert natürlich, was sie über die Deutschen denken."

Platini: "Es sind nicht die besten Fußball-Spieler der Welt, sonst würden viel mehr im Ausland spielen. Sie hatten nicht das Talent, um Weltmeister zu werden. Aber sie haben gegen Schweden und Argentinien gut gespielt, und - und das ist das Wichtigste - sie haben die Fans erfreut."

sid: "Wie beurteilen Sie Michael Ballack?"

Platini: "Die Antwort wird sie jetzt erstaunen, aber er ist ein Mittelfeldspieler, der mir sehr ähnlich ist. Er hat diesen Drang zum Tor, braucht aber die Tiefe des Raumes, um seine Torgefährlichkeit ausleben zu können. Wenn er ein Tor macht, ist er der Held. Vergibt er die Chance, wird ihm vorgeworfen, dass er sich im Mittelfeld zu wenig um Ordnung und Spielgestaltung bemüht habe. Ich kenne das Lied."

sid: "Wenn Sie das fehlende fußballerische Niveau bemängeln: Sind Sie enttäuscht von dieser WM?"

Platini: "Nein, nein, auf gar keinen Fall! Da darf kein Missverständnis aufkommen! Die WM war ein wunderbares Fest, aber sie lebte von der Spannung, den Ereignissen, nicht von der Qualität des Fußballs. Die Stadien waren voll, die Stimmung prächtig. Diese Idee der Fan-Meilen, wo der Fußball über die Stadien hinauswächst, die Leute aus ihren Wohnzimmern lockt und Gemeinschaft entstehen lässt. Das war eine tolle Idee."

sid: "Was hat Sie an Deutschland jenseits des Fußballs beeindruckt?"

Platini: "Ich hatte das Gefühl, dass die Leute stolz waren, dem Ausland ihr wiedervereinigtes Deutschland präsentieren zu können. Es war ihnen anzumerken, dass sie Klischees zerstören, Vorurteile abbauen wollten. Sie sind aus sich herausgegangen. Es war prächtig."

sid:"Wie viele Spiele haben Sie gesehen?"

Platini: "Jeden Tag eins."

sid: "Beckenbauer hat mehr gesehen!"

Platini: "Mit dem Hubschrauber ist das auch ein wenig einfacher als mit dem Auto. Jedenfalls habe ich mehr Spiele live gesehen, als Beckenbauer 1998 bei der WM in meinem Heimatland."

© SID

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