Interview mit Thomas Hitzlsperger
„Dieses Spiel ist eine Chance für die Integration“

Das deutsche Team hat ein großes Ziel und der nächste Gegner setzt auf deutsche Tugenden. Nationalspieler Thomas Hitzlsperger über das Halbfinale gegen die Türkei und die Launen der Euro 2008.

Handelsblatt: Herr Hitzlsperger, im Viertelfinale haben Sie zum ersten Mal bei dieser EM von Beginn an gespielt und die favorisierten Portugiesen aus dem Turnier geworfen. Einer der Höhepunkte Ihrer Karriere?

Es war etwas ganz Besonderes. Es war eines der wichtigsten Spiele meines Lebens. Und es ist erfreulich, gezeigt zu haben, dass sich der Bundestrainer auf mich verlassen kann.

Vor der EM hatten Sie die meisten Einsätze in der Ära Löw. Nach einem schlechten Vorbereitungsspiel auf ungewohnter Position saßen sie dann plötzlich draußen. Haben Sie manchmal gedacht: Ich bin hier im falschen Film?

Ich war schon enttäuscht. Nur, ich habe solche Enttäuschungen auch schon früher erlebt. Ich habe mich darauf verlassen, dass der Trainer nicht nur so dahin sagt, dass ich meine Chance noch bekommen würde. Und so ist es ja dann auch gekommen.

Waren Sie denn immer optimistisch?

Eigentlich schon. Wenn ich allerdings nach der Verletzung von Torsten Frings nicht in die Mannschaft gekommen, sondern wieder ein anderer rein gekommen wäre, dann hätte ich mir schon Gedanken gemacht.

Die machten sich alle Spieler nach der Niederlage gegen Kroatien. Es gab eine Mannschaftssitzung ohne Trainer. Haben Sie sich da auch zu Wort gemeldet?

Ja. Es ging ja nicht darum, dass da nur einer oder zwei sprechen. Jeder, der ein gutes Argument hatte, war aufgefordert, es zu sagen. Das haben viele auch gemacht.

Und was haben Sie gesagt?

Das, was offensichtlich war. Dass wir auf dem Platz nicht so positiv im Umgang miteinander waren. Dass wir uns gegenseitig nicht geholfen haben. Ich habe gesagt: Wir müssen uns wieder gegenseitig anfeuern! Wir haben ein großes Ziel!

Hatte die Sitzung reinigende Wirkung?

Ja, denn nur wenn wir zusammen halten, können wir hier etwas erreichen. Das haben wir gegen Portugal gezeigt.

Vor Portugal war Österreich. Für den Bundestrainer ging es um den Job.

Kann sein, aber ich möchte mich da nicht aus der Verantwortung nehmen. Wir Spieler haben auch eine.

Nun fordert Frings seinen Stammplatz zurück, notfalls will er mit einem Rippenpanzer auflaufen. Sagen Sie auch: Ich muss spielen?

Das bleibt dem Trainer überlassen. Ich wünsche dem Torsten, dass er fit ist, das hilft der Mannschaft. Aber ich stelle keine Ansprüche und fordere meinen Platz. Ich sage nur, dass ich weiter spielen möchte und dass ich denke, es verdient zu haben.

Haben Sie schon ein Zeichen bekommen, ob das System mit fünf Mittelfeldspielern beibehalten wird und ob Sie in der Elf bleiben?

Nein. Ich weiß noch nicht, wie wir spielen. Der Bundestrainer wird zusammen mit Urs Siegenthaler die Spiele der Türken analysieren und versuchen herauszufinden, wie man die wenigen Schwachstellen der Türken ausnutzen kann. Wir müssen wahrscheinlich ganz anders spielen als gegen die Portugiesen. Die Türken werden wohl defensiver stehen, auch weil sie nicht die Ausnahmekönner haben wie Portugal. Aber wer weiß, vielleicht ist auch gegen sie ein 4-5-1 die richtige Variante.

Wenn man sich die Türken anschaut, sie haben drei Spiele in Folge gedreht, das sind ja schon fast…

...deutsche Tugenden, ich weiß (lacht). Im Spiel an sich waren sie gegen Kroatien sehr verhalten, da waren die Kroaten die bessere Mannschaft. Aber die Türken haben es wieder geschafft, zurück zu kommen. Was man immer über die Deutschen gesagt hat, das trifft jetzt auf auch die Türken zu: Die sind erst geschlagen, wenn sie im Bus sitzen. Und das ist nicht ihre einzige Qualität. Jetzt kommt auch noch die Euphorie dazu.

Wie begegnet man so einem Team?

Da müssen wir genau aufpassen. Aber im Halbfinale ist es ja kein Thema mehr, dass wir irgendjemanden unterschätzen oder uns zu überlegen fühlen.

Deutschland spielt zum ersten Mal bei einem großen Turnier gegen die Türken, die größte Minderheit im Land. Ist so ein Fußballspiel eher ein Risiko oder eine Chance für das Miteinander?

Wir bekommen die Euphorie aus Deutschland mit. Ich weiß natürlich nicht, wie die Leute reagieren nach einer Niederlage. Man wünscht sich, dass es sich auf den sportlichen Wettkampf reduziert und der Fußball einen positiven Beitrag zur Integration leisten kann. Ich halte das Spiel für eine Chance, ganz klar. Allein wenn man sieht, wie viele Politiker sich hier blicken lassen, denke ich, dass es eine gute Chance ist.

Das Gespräch führte Florian Haupt.

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