Italien-Deutschland WM 1970
„Ausgerechnet Schnellinger“

Wie aus einer allzu menschlichen Geste das "Jahrhundertspiel" wurde - Erinnerungen an die Partie Italien gegen Deutschland bei der WM 1970.

KÖLN. Mit Leidenschaft, Kampfgeist und unerschrockener Offensive hatte sich die bundesdeutsche Nationalmannschaft gegen das Unvermeidliche gestemmt: Gegen diese flirrende Mittagshitze in Mexico-City während des WM-Halbfinals am 17. Juni 1970. Gegen diese brutal dünne Höhenluft, die den Profis aus Europa den Atem raubte. Gegen den peruanischen Schiedsrichter Arturo Yamasaki, der sich überfordert zeigte mit dem Tempospiel der Profis aus Europa.

Und selbstredend auch gegen die Catenaccio-erprobten Italiener, die seit der achten Minute durch Boninsegna führten, und die nun eine schauspielerische Performance hinlegten, um den knappen Vorsprung über die Zeit zu retten. Selbst der Kölner Radioreporter Kurt Brumme, der eigentlich für seinen distanzierten Stil bekannt war, echauffierte sich sehr: "Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder", brummte der Mann vom Westdeutschen Rundfunk.

Das Schicksal schien besiegelt. Der furiose Sturmlauf der deutschen Elf würde unbelohnt bleiben, das dachte gegen Ende dieser 90 Minuten nicht nur Karl-Heinz Schnellinger. Und so wanderte der deutsche Verteidiger in der letzten Minute schon mal quer über das Spielfeld, dorthin, wo sich der Spielertunnel des mit 90 000 Zuschauern ausverkauften Aztekenstadions befand. "Ich habe gedacht, wenn der Schiedsrichter abpfeift, bin ich schneller in der Kabine", berichtete Schnellinger kürzlich schmunzelnd in einer TV-Dokumentation.

Weil ihm dann, auf dem Weg in die Umkleide, diese scharfe Linksflanke Grabowskis vor die Füße fiel und er grätschend doch noch den 1:1-Ausgleich erzielte - "ausgerechnet Schnellinger", wie TV-Kommentator Ernst Huberty damals anmerkte, weil der Rheinländer beim großen AC Mailand unter Vertrag stand.

Bizarr ist die Anekdote Schnellingers deswegen, weil er mit dieser Aktion erst die Tür aufstieß zu einer spektakulären, dramatischen Verlängerung, die epische Ausmaße annehmen sollte - und deretwegen diese 120 Minuten Eingang in die Fußballgeschichte fanden als "Jahrhundertspiel", als das bis dahin beste WM-Spiel aller Zeiten. Denn als der Ball, den Gerd Müller vorher kaum berührt hatte, in der 94. Minute quasi in Zeitlupe über die Linie rollte und das Team von Helmut Schön plötzlich mit 2:1 führte, warfen auch die Italiener alle taktischen Zwänge über Bord. Und die Italiener schlugen zurück.

Als Siggi Held einen Freistoß in den Strafraum nur abtropfen ließ, staubte Burgnich trocken zum 2:2 ab (99. Minute). Dann zog Stürmerstar Riva, den Ball eng am Fuß führend, unwiderstehlich fast über das ganze Spielfeld und schoss Italien aus 25 Metern wieder in Führung (104.). Die Zuschauer rasten nun, schleuderten begeistert ihre Emotionen auf das Spielfeld.

Und tatsächlich, die Deutschen glichen noch einmal aus. Eine weite Flanke in den linken Strafraum köpfte Uwe Seeler vor das italienische Tor, und aus zwei Metern Entfernung drosch Gerd Müller den Ball mit Wucht über die Linie: 3:3 (110.). Doch schon im Gegenzug ließ sich Rechtsverteidiger Willi Schulz überlaufen, und den Querpass in den deutschen Strafraum schob Rivera, der Mann mit dem Renaissance-Gesicht, lässig ein zum 4:3 für die Italiener.

Die Entscheidung war gefallen, Italien zog ein ins Endspiel gegen Brasilien (und verlor dort mit 1:4). Auch weil Franz Beckenbauer, gemeinsam mit Overath der Dirigent des deutschen Mittelfeldes, kaum mehr einsatzfähig war. Nach einer Schulterverletzung hatte ihm der deutsche Mannschaftsarzt den rechten Arm fest an den Oberkörper gebunden.

Die Deutschen wurden trotz der Niederlage bejubelt. "Die Deutschen haben es verdient, wie Weltmeister gefeiert zu werden", schrieb die mexikanische Zeitung El Sol, einen "gigantischen Kampf" hatte die ansonsten so distinguierte Frankfurter Allgemeine Zeitung gesehen: "Wer es gesehen hat, wird es nie vergessen."

Dass diese 120 Minuten zu einem Klassiker der Fußballgeschichte geraten würde, war also schon in den Tagen von Mexiko 1970 abzusehen. Noch heute wird es als eines der schönsten Fußballspiele aller Zeiten oft im Fernsehen wiederholt. Und nicht zufällig hieß anno 2000 eine historische Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle, die das spannungsgeladene Verhältnis zwischen deutschem und italienischem Design beleuchten wollte, schlicht: "Vier zu Drei".

Auch die meisten deutschen Spieler, die später einige Turniere miteinander vergleichen konnten, stuften die Weltmeisterschaft von Mexiko 1970 als die schönste ihrer Karriere ein. Weil ihnen gewahr wurde, dass sie vor allem mit dem 3:4 ein Kunstwerk des Fußballs geschaffen hatten, das sich erhob über die sonst im Sport entscheidenden Kategorien Sieg und Niederlage. Umso mehr mutet es wie ein Witz der Fußballgeschichte an, dass jemand dieses Kunstwerk ermöglichte, der doch nur ein paar Schritte sparen wollte auf dem Weg in die Kabine.

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