Italien feiert seine WM-Helden
„Wir haben uns den Sieg wirklich verdient“

Ganz Italien feiert den Triumph im WM-Halbfinale über Deutschland und liegt sich in den Armen. Trainerfuchs Lippi hatte clever gewechselt und seine Mannschaft sehr gut auf die DFB-Auswahl eingestellt. Nun greift die "Squadra Azzurra" nach dem WM-Pokal und gibt sich siegesgewiss.

DORTMUND. Es sind die Sieger, die solche Sätze sagen: "Bei diesem Spiel denke ich nur an eines: Es wäre ungerecht gewesen, wenn wir nicht gewonnen hätten. Und es wäre ungerecht gewesen, wenn es ein Elfmeterschießen gegeben hätte." Marcello Lippi, von den italienischen Journalisten mit Applaus und Bravo-Rufen empfangen, ließ in seiner Presse-Audienz nicht eine Sekunde Zweifel daran aufkommen, wer an diesem Dienstagabend in Dortmund den Sieg verdient hatte: seine Mannschaft, die "Squadra Azzurra", die italienischen Helden.

Fußball-Helden werden normalerweise auf dem Platz geboren. Dort, wo auch die Märchen geschrieben werden und hoch trabende Träume platzen. Der 58-jährige Lippi verlegte die Geburt nach dem Halbfinale gegen Deutschland in die Pressekonferenz, in dem er seine Spieler kurzerhand zu Helden erklärte, beinahe Ehrung mit Verehrung verwechselnd: "Wir haben so eine tolle Mannschaft. Die Jungs sind so fantastisch", diktierte er den Journalisten in die Blöcke und Mikrofone. Helden braucht Fußball-Italien, das daheim von einer der schwersten Krisen erschüttert wird, die die Welt der Kicker bisher gesehen hat.

So dehnte denn Lippi seine Lobeshymne aus: "Der italienische Fußball ist ein toller, ein gelebter Fußball!" Er könne sich vorstellen, dass nach diesem grandiosen Sieg gegen die deutsche Mannschaft nun auch in Italien die Hölle los sei. Streicheleinheiten für die Tifosi, die italienischen Fans, die so leiden mussten in den vergangenen Monaten. Die auch, und das unterschlug Lippi geflissentlich, während des Spiels gegen die deutsche Nationalmannschaft leiden mussten. Denn sie ging nicht auf, die Taktik der vorherigen Spiele, schnell ein Tor zu erzielen und dann das eigene zu verbarrikadieren. Zu gut stand die deutsche Abwehr um die beiden Innenverteidiger mit den besten Zweikampfwerten dieser Weltmeisterschaft, Per Mertesacker (81,7 Prozent gewonnen) und Christoph Metzelder (73,6 Prozent).

An ihnen verzweifelte der italienische Torschützenkönig Luca Toni, bis Lippi den völlig entnervten Florentiner nach 74 Minuten auswechselte.Und doch antwortete Lippi genüsslich auf die Frage nach der Erwartung vor dem Spiel: "Ganz offen gesagt, technisch und taktisch hatte ich mir das genau so vorgestellt." Und den italienischen Journalisten, die nach positiven Nachrichten lechzen, schmierte Lippi gleich noch Honig um den Mund. "Einer von euch hat geschrieben, das Spiel könne nur gewinnen, wer ein technisches und taktisches Übergewicht auf dem Platz habe. Er hatte Recht."

Jedes seiner Worte war Balsam für die italienische Seele und offenbarte zugleich eine Art von Überheblichkeit gegenüber den unterlegenen Deutschen, wie sie väterlichen Ratschlägen oft anhaftet. "Jürgen, ich wusste doch, was Du vorhattest. Wir waren euch immer voraus", klang es zwischen den Zeilen. Und wörtlich sagte er: "Wir hatten auf Überzahl im Mittelfeld gesetzt. Und wir waren mit Andrea Pirlo und Francesco Totti in der Tat im Mittelfeld praktisch einer mehr." Es sei ein Fehler gewesen, dass die Deutschen Totti mit einem Mittelfeldspieler bewachen ließen, sagte Lippi. Der darauf angesprochene Bundestrainer Jürgen Klinsmann reagierte unwirsch: "Er hat seine Meinung, wir eine andere."

Keine andere Meinung als ihr Trainer hatten naturgemäß die so gelobten Spieler. Zwar betonten alle, wie schwer es gegen die Deutschen gewesen sei. Aber etwa der "Man of the Match", Andrea Pirlo, sagte "Wir haben uns den Sieg wirklich verdient." Und der Torschütze zum 1:0, Fabio Grosso ergänzte: "Den Erfolg haben wir uns als großartiges Team erarbeitet." Nun, die Italiener haben sich den Sieg wirklich verdient, denn besonders in der Verlängerung waren sie die bessere Mannschaft. Aber das einzig Heldenhafte daran war vielleicht, dass den Spielern dieser Sieg vor 60 000 tobenden deutschen Fans gelang, einem Hexenkessel wie ihn ein deutsches Fußballstadion wohl noch nie gesehen hat. "Schwieriger", sagte Torhüter Gianluigi Buffon ganz offen, "kann das Finale nicht mehr werden". Lippi drückte hernach seine Erwartungen so aus: "Wir sind noch nicht am Ziel. Wir wollen versuchen, das Ganze zu vollenden." Worte, die auch Jürgen Klinsmann einst gebrauchte.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%