Italien überzeugt in der Defensive
Eine Abwehr aus Granit

Sie ist ein bisschen durcheinander gewürfelt, die wohl stärkste Abwehr dieser WM. Aufgrund einer Adduktorenverletzung seines besten Verteidigers musste Trainer Lippi seine Defensive zwangsweise umstellen, anscheinend mit großem Erfolg.

HAMBURG. Als der belgische Schiedsrichter Frank de Bleeckere die Viertelfinalpartie Italien gegen Ukraine am Freitagabend in Hamburg anpfiff, wunderte sich so manch ein Tifosi: Wo läuft denn Gianluca Zambrotta herum? Der Linksverteidiger von Juventus Turin stand plötzlich auf der rechten Seite. Von dort marschierte er auch später los und schoss mit dem linken Fuß das 1:0.

Sie ist ein bisschen durcheinander gewürfelt, die wohl stärkste Abwehr dieser WM. Grund dafür ist, dass Alessandro Nesta vom AC Milan sich im letzten Vorrundenspiel gegen Tschechien eine Adduktorenverletzung zuzog. Nun steht in der Innenverteidigung nur noch Kapitän Fabio Cannavaro von Juventus Turin auf seinem angestammten Posten. Doch er steht - um ein paar beliebte Bilder zu bemühen - wie eine Mauer, wie ein Fels in der Brandung. Cannavaro ist ein guter Kandidat für den besten Spieler der WM.

Um ihren Kapitän Cannavaro herum wechselten auf den verschiedenen Positionen munter die Abwehrspieler - Zambrotta ist nur ein Beispiel dafür. Das dürfte zwar nicht nach dem Geschmack von Trainer Marcello Lippi sein, doch ihm blieb nach dem Ausfall Nestas und der Sperre von Marco Materazzi (Inter Mailand) nichts anderes übrig.

Das beeindruckende daran ist: Die Abwehrleistung der Italiener ließ gegen die Ukraine kaum nach. Cannavaro dirigierte seine ungewohnte Hintermannschaft perfekt. Links durfte Ersatz Fabio Grosso (Palermo) auf seiner angestammten Position ran. Ersatzmann Andrea Barzagli (Palermo) stand neben Cannavaro in der Innenverteidigung. Zambrotta schoss auf der ungewohnten rechten Seite nicht nur ein Tor, er bereitete später sogar noch eines vor - da hatte er aber schon wieder auf die linke Seite gewechselt.

Wenn die Viererkette dann doch einmal patzte, war Gianluigi Buffon zur Stelle. Er klärte zwei Tormöglichkeiten der Ukrainer so brillant, dass sein Trainer Marcello Lippi ins Schwärmen geriet: "Das waren zwei unglaubliche Paraden. Buffon ist ein Champion". In der Tat, das macht es den gegnerischen Mannschaften nicht leichter. Es ist schon sehr, sehr schwer, die Viererkette zu überwinden - wenn Nesta wider Erwarten im Halbfinale wieder fit sein sollte, und Lippi seine Wunschformation aufbieten kann, dürfte es noch schwerer werden. Doch hat man den Abwehrriegel überwunden, dann kommt mit Buffon die nächste große Hürde.

Natürlich ist es nicht unmöglich, auch gegen Italien Tore zu schießen. Aber was die Mannschaft in der Verteidigung zusätzlich stark macht, ist das fein abgestimmte Zusammenspiel mit dem defensiven Mittelfeld. Denn in der Rückwärtsbewegung bauen die Italiener - wenn sie Zeit dazu haben - meist zwei Ketten auf. Vor der Viererkette stehen dann drei oder vier Mittelfeldspieler wie an einer Schnur aufgezogen, um dem Gegner den Ball abzuluchsen. Besonders gut kam diese Zwei-Riegel-Taktik im Achtelfinale gegen Australien zur Geltung, in dem die Italiener dadurch eine lange Zeit in Unterzahl ohne Gegentor überstanden.

Und wenn sie den Ball erobern, dann sind die Italiener in der Lage, sehr schnell einen Angriff zu starten. Dafür sorgen die Kreativköpfe Andrea Pirlo (AC Milan) und Regisseur Francesco Totti (AS Rom). Oder eben Zambrotta, den Juventus Turin erst vor wenigen Jahren vom Mittelfeldspieler zum Linksverteidiger umpolte.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
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