Japan/Südkorea 2002
Der gefallene Titan

Nach dem großen Favoritensterben, dem Frankreich und Argentinien bereits früh zum Opfer fielen, stellte die Nation verwundert fest: Unsere Jungs sind noch dabei. Ein Rückblick auf Mythen, Miros, Schwalben und Frisuren.

DÜSSELDORF. In der 67. Minute des Finales liegt der blonde Titan mit dem Gesicht nach unten auf dem Rasen des International Stadiums von Yokohama. Hinter ihm - im Tor - liegt ein Ball, der dort eigentlich nicht sein sollte, und vor ihm läuft erfreut ein kleiner Junge mit blauen Shorts, gelbem T-Shirt und etwas vorstehenden Zähnen umher. Ronaldo hat soeben das 1:0 für Brasilien erzielt und damit ganz Fußballdeutschland einen Schock versetzt. Oliver Kahn liegt stellvertretend für die gesamte Nation am Boden. Durchaus eine der Tragik des Augenblicks angemessene Symbolfigur. Denn vier Wochen war er Deutschlands "King-Kahn", der Torwart-Titan gewesen, und jetzt patzt ausgerechnet er im Finale und lässt diesen Schuss von Rivaldo abprallen.

Diese schmerzlichen Momente sind es, diese besonderen, winzig kleinen Augenblicke, die oft das einzige sind, was nach Jahren noch von einem großen Turnier in Erinnerung bleibt und sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Ähnlich schmerzhaft wie der Elfmeter, den Uli Hoeneß bei der EM ?76 in den Belgrader Nachthimmel trat oder jenes unglückselige "Wembley-Tor" im Weltmeisterschafts-Finale von England 1966. Und jetzt: der Torwart-Titan am Boden.

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Dabei hatte alles so gut angefangen. Mit einem 8:0-Erfolg über Saudi-Arabien war das Team phänomenal in das Turnier gestartet und versetzte die entfernte Heimat in anhaltende Euphorie. Großen Anteil hatte daran ein ehemaliger Bezirksligaspieler der SG Blaubach-Diedelkopf. In Windeseile wuchs Miroslav "Miro" Klose - dank seiner fünf Treffer während der Gruppenphase - zu einem internationalen Star und verzauberte die Zuschauer mit seinen akrobatischen Einlagen. Das glückliche Händchen bei der Aufstellung von Klose betonierte nur noch Trainer Völlers Stellung als silber-graues Fußball-Heiligtum.

Doch trotz Euphoriewelle und einer beeindruckenden Leistung der Nationalmannschaft, die sich zuvor wie ein angeschlagener Boxer, der von Runde zu Runde dem Knock Out entgeht, mit 1:0-Siegen über Paraguay, die USA und Südkorea ins Endspiel gerettet hatte, reichte es im Finale gegen Brasilien nicht ganz. Den zwei Treffern von Ronaldo hatte der deutsche Angriff nichts entgegenzusetzen. Und dennoch: Das Team von "Rudi Nationale" und Michael Skibbe wurde gefeiert als hätte es den dritten WM-Titel geholt.

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