Jens Nowotny im Interview
„Ich mache bei der WM auch den Notnagel“

Jens Nowotny redet im Handelsblatt.com-Interview über seine Verletzungen, seine Wechselabsichten und die Motivation noch einmal bei einer WM dabei zu sein.

Handelsblatt: Herr Nowotny, Sie haben bei Bayer gekündigt, vier Kreuzbandrisse hinter sich und sind 32 Jahre alt. Könnte das potentielle, neue Vereine nicht abschrecken?

Nowotny : Das könnte durchaus passieren, aber dieses Risiko will ich tragen, weil meine Familie und ich gerne noch etwas Neues erleben möchten.

Was machen Sie, wenn es nicht klappt?

Darüber mache ich mir noch keine Gedanken, weil ich unbedingt mit Bayer den fünften Platz sichern will. Deshalb konzentriere ich mich imMoment ganz auf Bayer und die Partie heute Abend im Olympiastadion gegen die Hertha.

Verhandeln Sie schon mit neuen Vereinen?

Mein Berater und Onkel, Georg Bischof ist dafür zuständig, lässt mich im Moment damit aber ganz zufrieden.

Es gibt Gerüchte um einen Wechsel zum AC Florenz . . .

Mag sein, Italien wäre schön, der AC Florenz ist ein attraktiver Verein. Auch England wäre nicht schlecht, obwohl meine Frau sicher den Süden vorziehen würde. Wenn ich zwei vergleichbare Angebote aus der Bundesliga, bzw. dem Ausland bekommen würde, dann wäre das Ausland erste Wahl.

Mit der öffentlichen Bekanntgabe Ihrer Wechselabsichten haben Sie Sport-Direktor Rudi Völler vor ein paar Wochen ziemlich brüskiert . . .

Sicherlich hätte da von beiden Seiten einiges anders laufen können, aber Rudi und ich können uns immer noch in die Augen schauen.

Ihr Abschied bringt Ihnen ein Vermögen an Handgeld ein; stört es Sie nicht, dass Sie bei vielen als Abzocker dastehen?

Diese Leute übersehen, dass einer, der nach vier Kreuzbandrissen immer noch Fußball spielen will, kaum nur aufs Geld scharf ist. Ich habe mit Sicherheit Fehler gemacht, aber ginge es nur ums Geld, dann hätte ich Leverkusen schon vor fünf, sechs Jahren verlassen müssen. Damals gab es Angebote, die mir das Doppelte eingebracht hätten. Aber ich habe auch hier gutes Geld verdient und mich immer sehr wohl gefühlt.

Sie sind vielleicht nun sogar bei der WM dabei. Würden Sie sich auch auf der Bank der Nationalelf wohl fühlen?

Absolut. Jeder Spieler, der mitfährt, hat eine Verantwortung gegenüber der Mannschaft. Würde man mir sagen "Jens, du fährst als Notnagel mit, um der Mannschaft vielleicht in gewissen Situationen Ruhe zu vermitteln oder im Training Akzente zu setzen", ich wäre sofort dabei.

Braucht die junge Nationalabwehr zwingend einen älteren, erfahrenen Spieler?

Erfahrung allein reicht nicht. Während eines solchen Turniers muss jeder, egal ob alt oder jung, über sich hinauswachsen. Erst wenn der Druck von Spiel zu Spiel stärker wird, kann man erkennen, wie weit der Einzelne schon ist. Grundsätzlich aber schadet Erfahrung wohl kaum.

Wie weit sind Sie nach dem letzten Kreuzbandriss? Fehlt es Ihnen noch an Koordination und Schnelligkeit? Zuletzt haben Sie in der Liga zwei Spieler verletzt . . .

Das ist richtig, daran sieht man schon, dass die letzten paar Prozent an Spritzigkeit noch nicht wieder ganz zurück sind und immer noch Luft nach oben ist.

Wie sieht Bundestrainer Jürgen Klinsmann diese "letzten paar Prozent"?

Er will mich weiter beobachten und wünscht sich, dass ich weiter Gas geben soll.

Sie mussten wegen der vielen Verletzungen ständig von neuem Gas geben. Haben Sie nicht manchmal mit dem Schicksal gehadert?

Nein, nie. Ich habe es immer auch als Verantwortung empfunden, weiterzumachen, den Menschen gegenüber, die ein viel schweres Schicksal ereilt hat. Ein Kreuzbandriss ist kein Beinbruch, sagt der Volksmund und im Verhältnis zu vielen anderen Verletzungen und Krankheiten doch nur eine Lappalie.

Die Fragen stellte Andreas Kötter.

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