JHV von Bayern München
Der Stern des Südens

Bei der Jahreshauptversammlung von Bayern München wird Steuersünder Uli Hoeneß mit überwältigender Mehrheit wieder zum Präsidenten gewählt. Die „Abteilung Attacke“ ist zurück. Doch nicht alles läuft perfekt nach Plan.
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MünchenEs dauert mehr als drei Stunden, bis Uli Hoeneß am Freitagabend um 22:15 Uhr endlich das Podium betritt. Er stützt die Arme auf das Rednerpult, legt die Stirn in Falten, sein Blick wandert durch den vollbesetzen Audi Dome. Er wirkt ein wenig schmaler als früher. Die ersten Worte spricht er noch mit brüchiger Stimme, doch dann hat er schnell sein gewohntes Tempo gefunden.

Er sei überwältigt von der Liebe, von der Zuneigung, von der Freundschaft, die er in den letzten zwei Jahren erfahren hat, sagt Hoeneß. Die mehr als 5500 Briefe, die ihm fremde Menschen geschickt haben, zum größten Teil handgeschrieben und seitenlang, habe er im Gefängnis gelesen, meist sonntags, wenn es ihm nicht so gut ging, wenn er „geheult hat wie ein Schlosshund“.

Hoeneß weiß, dass die mehr als 7000 Anhänger des FC Bayern München, die zur diesjährigen Jahreshauptversammlung des deutschen Fußballrekordmeisters in die bayerische Landeshauptstadt gereist sind, vor allem wegen ihm gekommen sind. Er weiß, dass sie darauf warten, dass er zugibt, welch großen Fehler er gemacht hat. Dass er Reue zeigt. Damit sie ihm leichter verzeihen können. „Wegen der Steuersache“, wie er selbst sagt. „Ich bitte Sie um eine zweite Chance – und ich verspreche Ihnen, dass ich alles tun werde, um Sie nicht zu enttäuschen“, stellt er in seiner rund zehnminütigen Rede fest. Und sagt auch: „Ich akzeptiere jeden, der heute mit nein stimmt.“

Hoeneß wollte diesen Abend, er hatte von ihm geträumt, sich wochenlang auf seinen Auftritt vorbereitet. Er hat genau überlegt, was er sagt. Was er zu sagen hat. Er will dem Verein „dienen, bis ich nicht mehr atmen kann“. Solche Sätze etwa. Von den 7152 anwesenden Mitgliedern des FC Bayern stimmen im Anschluss nur 108 mit Nein, 58 enthalten sich. Mehr als 97 Prozent geben dem 64-Jährigen ihre Stimme, der damit die Nachfolge von Karl Hopfner antiritt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht.

Kurz vor 23 Uhr ist klar, dass der Steuersünder Hoeneß, der in sechs Jahren 28,5 Millionen Euro hinterzogen hat, wieder zum Präsidenten des FC Bayern gewählt wurde. Das Ergebnis war dabei durchaus zu erwarten, auch in dieser Deutlichkeit. Und doch feierten die Mitglieder ihr neues altes Oberhaupt, als hätten sie kurzzeitig Angst vor einer Niederlage gehabt. Unter großem Beifall sangen sie für ihn: „Uli, du bist der beste Mann.“

Die Wiederwahl von Hoeneß, sie war der ersehnte Höhepunkt einer Hauptversammlung, bei der insgesamt fünf Stunden lang Rekordumsätze, Rekordgewinne, Rekordmitgliederzahlen und Rekordergebnisse beklatscht wurden. Und dabei ging es gar nicht so gut los: Wegen des großen Andrangs eröffnete Höpfner erst mit rund 25 Minuten Verspätung das Treffen der Bayern-Familie. Er und Hoeneß suchten vor der Versammlung sogar das eigens wegen des großen Interesses vor der Halle aufgebaute Zelt auf, in das etliche Mitglieder ausweichen mussten.

Im Audi Dome war einfach nicht mehr Platz. Schon nachmittags standen Hunderte Fans vor dem Eingang Schlange, warteten ungeduldig auf den Einlass. Aus allen Teilen der Republik waren sie angereist, wegen des Lufthansa-Streiks zum Teil unter schwierigen Voraussetzungen. Doch sie alle wollten dabei sein, wenn Hoeneß wieder in der Masse badet. Wollten ihm ihre Stimme geben.

Der Audi Dome, in dem ansonsten die Basketball-Mannschaft des FC Bayern ihre Heimspiele austrägt, glich ein bisschen einem Fußball-Stadion: Die Fans trugen Schals, Trikots, Mützen, ja, sogar Socken in den Vereinsfarben. Die Gemeinde Lippach/ Ostalb grüßte sein „Ehrenmitglied Uli Hoeneß“, auf einem Bildschirm konnten die Mitglieder die schönsten Tore der vergangenen Saison bestaunen, auf den Fluren gab es Bier und Leberkäs-Semmeln. Selbst der Trainer war gekommen, Carlo Ancelotti hatte in der ersten Reihe Platz genommen.

Nur, dass die Stars diesmal nicht die Spieler waren, sondern vor allem Uli Hoeneß. „Ich gönne Dir von Herzen die verdiente Rückkehr in dein Amt als Präsident“, erklärte dann auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mit Blick auf seinen langjährigen Freund, der sich wiederum mehrfach mit Sorge wegen eines medizinischen Notfalls wenige Meter hinter ihm umdrehte. „Ich bin neugierig auf die neuerliche Zusammenarbeit mit dir. Wir kennen uns nun ja schon 42 Jahre“, sagte Rummenigge. Vor dem Blick in die Zukunft rühmte er besonders die vergangenen Jahre mit Titeln wie am Fließband: „Jahre wie diese haben wir selbst noch nicht erlebt.“ Die Versammlung wurde für wenige Minuten unterbrochen, damit Rettungskräfte ein Mitglied mit einem Schwächeanfall in ein Krankenhaus bringen konnten.

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