Kahn: Moral macht Mut - Hamann in der Kritik - Jansen vor Debüt
Rückfall statt Aufbruch

2:2 beim Erzrivalen Holland - das Ergebnis ließ sich sehen. Doch das Zustandekommen war äußerst glücklich. Bundestrainer Jürgen Klinsmann muss nach dem enttäuschenden Auftritt seiner Elf sein „Senioren-Experiment“ als gescheitert betrachten.

HB ROTTERDAM. Als die Spieler am Frühstückstisch über das glücklichste Länderspiel-Remis seit Jahren diskutierten, war der Bundestrainer schon längst aus Rotterdam verschwunden. In aller Herrgottsfrühe machte sich Jürgen Klinsmann am Donnerstag auf den Weg zurück in seine kalifornische Wahlheimat - und hätte sich eine schönere Reiselektüre gewünscht. „Rückfall in schlimme Zeiten“ oder „Käse-Abwehr“ lauteten nach dem enttäuschenden Auftritt in Rotterdam die Schlagzeilen im deutschen Blätterwald.

Klinsmann und das Gros seines Personals präsentierten wie immer die optimistische Sicht der Dinge. Hand in Hand gingen Ballack & Co nach dem Schlusspfiff zum kleinen deutschen Fanblock, verdrängten die spielerisch armselige Darbietung und priesen stattdessen die eigene Moral. „Wir haben große Tugenden gezeigt und das Spiel nach einem 0:2 noch umgebogen“, urteilte Oliver Kahn. „Die Mannschaft hat sich zusammengerissen, hat Charakter bewiesen, und die Tore auch klasse gemacht“, resümierte Michael Ballack. Und Dietmar Hamann befand sogar: „Wir hatten die Holländer bis auf die ersten zehn Minuten in jeder Halbzeit immer im Griff. Wenn das Spiel noch 15 Minuten länger geht, hätten wir vielleicht sogar noch ein drittes Tor gemacht.“

Das hätte freilich den Spielverlauf gänzlich auf den Kopf gestellt und möglicherweise zu einem noch größeren Realitätsverlust bei Rückkehrer Hamann gesorgt. Der 31-Jährige, den Klinsmann erstmals in seiner gut einjährigen Amtszeit berücksichtigte, stand symbolisch für den vor allem in der ersten Halbzeit eklatanten Rückfall in den unter Rudi Völler praktizierten Sicherheits-Fußball. „Aufgefallen ist bei bestimmten Leuten, dass wieder nach hinten gespielt wurde“, bemerkte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit süffisantem Unterton.

Klinsmann vermied zunächst eine Bewertung von Hamanns Comeback. Er wolle sich „erst noch einmal das Spiel im Fernsehen anschauen“, bevor er sich ein Urteil über einen Spieler erlaube. Aber dann wird er wohl auch zur Erkenntnis kommen, dass das „Senioren-Experiment“ mit neun Spielern aus Völlers EM-Mannschaft nicht aufging. Welche Schlussfolgerungen er daraus zieht, wird man bereits in zwölf Tagen sehen, wenn sich in Berlin das nächste Aufgebot für die Länderspiele in der Slowakei (3. September) und in Bremen gegen Südafrika (7. September) versammelt.

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