Kampf um Platz 5 und 6: Schweigend und hoffend

Kampf um Platz 5 und 6
Köln singt Halleluja

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Schweigend und hoffend


17 Uhr: Die „Wilde Horde“ singt immer noch. Der Rest des Stadions kennt nur noch zwei Agrarzustände: schweigend und hoffend, das hinten nichts anbrennt. Oder sich erhebend und panisch schreiend, wenn die Kölner Richtung Mainzer Tor marschieren, um endlich die Entscheidung herbeizuführen. Die Ansätze sind alle paar Minuten da, aber es fehlt der letzte Pass. Dann macht das 3:2 der Bremer in Dortmund die Runde – auf der Anzeigetafel wird es erst später angezeigt. Ein Tor für Mainz – und der FC fällt zurück auf Platz acht. Die ersten Fans murmeln leise: „Wenn du die Chancen nicht machst und so wie der Spieltag läuft, dann fängst du dir das 1:1 noch.“ Für Bremen würde ein Sieg Rang sieben bedeuten, Freiburg fiele auf Rang acht zurück. Und Dortmund wären nur Vierter, obwohl Hoffenheim gegen Augsburg nicht über ein 0:0 hinauskommt.

17:05 Uhr: Wieder vergeigt der FC eine exzellente Konterchance, die Fans verzweifeln. Dann die Erlösung: Dortmund gleicht gegen Bremen zum 3:3 aus. Ist damit wieder auf Rang drei, Werder fällt auf Rang acht zurück. Wer hier heute keinen guten Empfang hat, kann die Blitztabelle gar nicht schnell genug laden, bis sie schon wieder veraltet ist.

Zehn Minuten vor Schluss nehmen Hunderte Ordner in roten Leibchen ihre Position ein. Einen Platzsturm gab es zum Leidwesen aller Beteiligten beim Aufstieg vor drei Jahren nach dem 3:1-Sieg gegen Bochum. Ordner sollen dies heute verhindern, viel Glück! Noch ist absolut nicht klar, ob es etwas zu feiern gibt. Ein Tor für Mainz würde alles ändern.

17.10 Uhr: Jubel in Köln, der FC Bayern schießt ein Tor. Dieses Spiel ist voller Skurrilitäten. Das 2:0 des FCB gegen Freiburg sichert Kölns Hoffnung auf Rang fünf oder sechs. Doch die Mainzer haben immer wieder Szenen rund um den 16er der Kölner. Da war noch nichts Gefährliches dabei, aber was heißt das schon? Fünf Minuten noch, Ecke Köln. Kurz ausgeführt, sehr clever gespielt von Hector – aber nichts gebracht. Mainz im Angriff, Jojic dazwischen, genialer Pass auf Osako – und der macht es. Kölle Alaaf. 2:0 und Europa vor der Tür – sogar direkt qualifiziert als Fünfter. Der Rest ist Party. Wäre Party. Wenn nicht die ersten Bekloppten über die Zäune steigen würden. Das macht vieles kaputt, schade Köln.

17.17 Uhr: Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel nicht. Glück für Köln. Horden von Ordnern halten die Fans zurück. Die große Mehrheit singt und tanzt und feiert, auch das 4:3 des BVB gegen Werder Bremen. Das Ticket für die direkte Champions-League-Qualifikation. Der Westen jubelt, Köln und Dortmund sind die großen Gewinner dieses Krimis. Und auch Freiburg kann es als Siebter noch schaffen, wenn Dortmund Pokalsieger wird.
17.20 Uhr: Die ersten Fans rennen auf den Platz. Schiedsrichter Robert Hartmann wartet kurz und pfeift dann ab. Tausende rennen auf den Platz und umarmen ihre Spieler, die sich aber mühen, zunächst einmal in die Kabine zu kommen. „Halleluja“, ertönt es aus dem Lautsprecher. Zur Beruhigung. Tausende singen mit. Anthony Modeste, der Stürmer, der das alles möglich machte, bleibt auf dem Platz. Um genau zu sein tragen ihn die Fans auf Händen wie einen Popstar.

17.25 Uhr: Mit Müh und Not schafft es Modeste durch die Menge bis zum Eingang zum Kabinentrakts. Er hat Tränen in den Augen, wischt sie sich mit dem Trikot ab. Winkt den Fans auf der Tribüne zu. War das etwa sein letztes Spiel für den FC? Längst ist der Platz komplett voll mit Anhängern. Sie blicken gebannt auf den Eingang zu den Katakomben und hoffen, ihre Helden noch mal zu sehen. Es ist ähnlich wie beim Aufstieg, aber noch intensiver. 25 Jahren haben Klub und Fans darauf gewartet.

Mitarbeit: Lisa Oenning

Thorsten Giersch
Thorsten Giersch
Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt / Geschäftsführer digital bei planet c

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