Kommentar
Es funktioniert nur im Dialog

Die Fans in den deutschen Stadien sind keine reinen Konsumenten, sie tragen maßgeblich zum Produkt bei. Eine Lösung für die Probleme in den Kurven kann daher nur im Austausch gefunden werden. Ein Kommentar.
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Dass der deutsche Fußball in den vergangenen Jahren in Europa und dem Rest der Welt wieder deutlich an Anerkennung gewinnen konnte, hat viele Gründe: Die Nationalmannschaft spielt einen attraktiven, erstaunlich undeutschen Fußball, die Vereine wirtschaften bis auf wenige Ausnahmen nachhaltig und gesund, die Stadien sind neu und groß, die Spieler im Ausland begehrt.

Einen großen Teil dieser Anerkennung haben auch die Fans zu verantworten, die jede Woche zu Hunderttausenden in die Arenen kommen, weite Fahrten mit Auto, Bus oder Bahn auf sich nehmen, Privatvermögen und Freizeit für diese Leidenschaft opfern. Die Fans sind das Element, das den Fußball mit ihrem Interesse und ihrem Geld zu dem Milliardengeschäft gemacht hat, das er heute ist. Sie sind zwar nicht die Protagonisten, aber sie sind auch keine reinen Konsumenten mehr.

Das DFL-Sicherheitspapier, das heute von den 36 Mitglieds-Vereinen der Liga verabschiedet werden soll, unterwandert die Fan-Basis auf eine nicht hinnehmbare Art und Weise. Statt als zahlende Besucher und Anhänger der Mannschaften wahrgenommen, gelten Fans als potenzielle Straftäter und werden teilweise entsprechend behandelt. Auch wenn ein kleiner Prozentsatz negativ auffällt und bestimmte Strömungen auf den Rängen Anlass zur Sorge geben: Sippenhaft ist nicht die Lösung für diese Probleme.

Wer in den 80er und Anfang der 90er Jahre Spiele live in den Kurven gesehen hat, weiß, dass die Gewaltproblematik heute nicht annähernd so groß ist wie früher. Das Publikum hat sich gewandelt, der Fußball ist dem Arbeiter- und Proletenmilieu entwachsen und ein breites Mittelschichtenphänomen geworden. Nie zuvor waren so viele Familien, Frauen und Kinder in den Stadien – und die würden nicht kommen wollen, wenn sie dabei ein subjektives Gefühl der Angst hätten.

Die Debatte über Gefahren aus der Kurve ist an vielen Stellen eine heuchlerische, die über große Schlagzeilen geführt wird statt über gute Argumente. Dass dann auch Politiker auf Stimmenfang in diesen populistischen Chor miteinstimmen, kann kaum erstaunen. Um die Probleme zu lösen, bedarf es eines Dialogs mit den Fans und nicht des Aufdrückens von neuen Vorschriften. Die Nachbesserung des Sicherheitspapiers war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, konsequent wäre aber, sich mehr Zeit zu lassen und zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Nur dann lässt sich die Masse der echten Fans in die Pflicht nehmen. Denen geht es nämlich nicht darum, Gewalttäter zu schützen, sondern die Fankultur in der Kurve zu erhalten.

Wie es sich anfühlt, wenn diese Fans wegfallen, durften die Spieler und Verantwortlichen der Klubs an den vergangenen drei Spieltagen jeweils zwölf Minuten und zwölf Sekunden zu Beginn jeder Partie erleben: steril. Das kann nicht im Sinne der DFL sein, die Live-Bilder aus der Bundesliga auch über die grandiose Atmosphäre in die ganze Welt verkauft.

 

Patrick Kleinmann
Patrick Kleinmann
Handelsblatt Online / Freier Journalist

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