Kommentar zum Blatter-Rücktritt
Das Spiel ist aus

Die Freude am Spiel ist dem Ärger über die korrupte Führungsriege der Fifa gewichen. Doch es gibt eine Chance: Mit Rücktritt Blatters muss der Verband erkennen, was er längst ist: ein milliardenschweres Unternehmen.
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DüsseldorfSepp Blatter hat uns lange Zeit glücklich gemacht – und manche noch glücklicher. Der Präsident des Weltfußballverbands hat den Fußball zu einem Quell der Freude für uns Zuschauer gemacht – und zu einer Geldquelle für seine Mitglieder. In den 17 Jahren, die seit seiner Amtsübernahme vergangen sind, hat lange das eine das andere überwogen: Die Freude am Spiel, der Jubel bei den Weltmeisterschaften, das Staunen darüber, wie sich ganze Länder verändern, wenn sie Austragungsort eines Fifa-Turniers werden, haben alle Verdachtsmomente für Korruption vergessen lassen.

Doch damit war spätestens am vergangenen Mittwoch Schluss, seit gleich ein halbes Dutzend Fifa-Bosse wegen Korruptionsverdachts in Arrestzellen wanderten. Seither ist die Freude am Fußball der Enttäuschung über die möglicherweise kriminelle Führungsriege der Fifa gewichen.

Blatter konnte sich – genauso wie der andere alte Mann der durchkommerzialisierten Sportwelt: Bernie Ecclestone – zugutehalten, seiner Sportart eine weltweit einzigartige Stellung verschafft zu haben. An der Fifa und an der Formel 1 führten kein Weg vorbei. Wer sich in den Wettkämpfen, die sie veranstalteten, durchsetzte, war die unangefochtene Nummer eins der Welt.

Doch Blatter wie Ecclestone müssen sich auch sagen lassen, dass sie jenes Fairplay, das sie im Sport einfordern, in ihrem Geschäftsgebaren längst vergessen haben. Ecclestone ist deswegen in Deutschland bereits zu einer Rekordstrafe von 100 Millionen Euro verurteilt worden. Und Blatter wirft nun hin. Was muss sich nach seinem Rücktritt ändern?

Aus dem Verein, den ein paar Fußballbegeisterte im Jahr 1904 gegründet haben, um auf Rasenplätzen in einigen Ländern Europas Meisterschaften organisieren zu können, ist unter Blatters Führung ein globaler Konzern geworden. Dieses Unternehmen macht mit dem Verkauf von Eintrittskarten, dem Handel von Fernsehübertragungsrechten und einer gigantischen Merchandisingindustrie rund um den Fußball Milliardenumsätze. Der alte Rechtsrahmen ist diesem Unternehmen längst zu eng geworden.

Als Verein ist die Fifa eine Organisation, die in ihrem Heimatland, der Schweiz, keine lästigen Steuern zahlen muss. Als Verein kann sich die Fifa-Führung, anders als jedes andere Unternehmen, selbst beaufsichtigen und auf ein Gremium wie den Aufsichtsrat verzichten. Als Verein konnte sie ihre entscheidenden Mitglieder bezahlen, bevor sie sie darüber abstimmen lässt, wo beispielsweise die nächste Fußballweltmeisterschaft stattfinden soll. Sie verstößt damit nicht einmal gegen geltendes Recht, aber sie ist damit eine Organisation, in der alle Macht von oben ausgeht.

Das kann so nicht bleiben. Das Beste wäre: Mit Blatters Abgang würde auch diese Fifa ihre Auflösung beschließen. Am besten wäre es, an ihre Stelle träte ein möglichst börsennotiertes Unternehmen, das den Weltfußball organisiert. Eines mit Aufsichtsrat und Hauptversammlung. Eines, das per Aktionärsbeschluss das Alter seiner Manager nach oben begrenzt und seine CEOs mit befristeten Arbeitsverträgen ausstattet, die nicht automatisch verlängert werden.

Eines, das als Geschäftszweck die Organisation des Fußballs nennt und das Ziel hat, damit Geld zu verdienen. Eines, in dem die Regeln der guten Unternehmensführung einklagbar sind. Wenn es so weit kommt, könnte es sein, dass wir alle nicht nur ein Fußballticket, sondern sogar eine Aktie dieses Unternehmens kaufen würden.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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