Korruptionsaffäre
Fifa suspendiert Funktionäre

Der Fußball-Weltverband Fifa hat die unter Korruptionsverdacht stehenden Exekutivmitglieder Amos Adamu aus Nigeria und Reynald Temarii aus Tahiti vorläufig suspendiert. Die Ethik-Kommission des Fußballverbands will den Bestechungsvorwürfen nun genau nachgehen. Unabhängige Sportexperten fordern eine unabhängige Anti-Korruptions-Agentur.

DÜSSELDORF/ZÜRICH. Nicht weit vom Züricher Friedhof Fluntern, dort wo der irische Schriftsteller James Joyce seine letzte Ruhe fand, traf sich eine illustre Runde. In der Fifa-Straße 20 – eine Sackgasse am Sonnenberg – trat die Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes Fifa außerplanmäßig zusammen. Sie fällte eine für die Fifa geradezu historische Entscheidung. Wegen des Verdachts auf Bestechung wurde die beiden Fifa-Exekutivmitgliedern Reynald Temarii von der Südsee-Insel Tahiti und Amos Adamu aus Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas zunächst für 30 Tage suspendiert. Diese Frist kann um 20 Tage verlängert werden. „Weil sie Exekutivmitglieder sind, müssen sie eine Einstellung haben, die über jeden Zweifel erhaben ist“, begründete Vorsitzende der Ethikkommission, Claudio Sulser, gestern Abend die Entscheidung nach einer eintägigen Sitzung. Die Fifa will nun eine grundlegende Prüfung der schweren Vorwürfe vollziehen.



An einem endgültigen Rauswurf ist das Duo Temarii und Adamu offenbar nur um Haaresbreite vorbei geschrammt. Bereits vor vier Jahren im Fall des Exekutivmitglieds Ismail Bhamjee aus Botswana gab es eine endgültige Suspendierung. Der zweifelhafte Funktionär hatte zwölf Tickets für die WM in Deutschland zum dreifachen Preis verkauft.

Die beiden altgedienten Funktionäre Adamu und Temarii sollen gegenüber verdeckt arbeitenden Journalisten des britischen Blattes „Sunday Times“ bereit gewesen sein, ihre Stimmen bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zu verkaufen. Der Fall ist delikat, denn am 2. Dezember bestimmt das Exekutivkomitee in Zürich, wo die WM-Turniere stattfinden. An diesem Termin wird trotz der Bestechungsaffäre weiter fest gehalten, wie die Fifa gestern am späten Abend betonte. Um das weltgrößte Sportereignis in acht Jahren hatten sich Spanien/Portugal, Niederlande/Belgien, England und Russland beworben. Für 2022 sind die USA, Australien, Japan, Südkorea und der schwerreiche Wüstenstaat Katar im Rennen.

Der aktuelle Bestechungsfall ist für den mächtigsten Sportverband der Welt peinlich. Denn der Ruf der Fifa wird immer schlechter. Erst im Juni 2010 wurde bekannt, dass der Weltfußballverband 5,5 Mio. Franken an die Schweizer Justizkasse gezahlt hatte, weil die Namen von Schmiergeldempfängern verheimlicht wurden.

Wie eine Trutzburg wirkt der moderne Kubus des Weltfußballverbandes hinter seiner nüchtern-kalten Fassade. Ist die Architektur ein negatives Symbol für die mangelnde Offenheit des Verbandes? Unter der Regie des umstrittenen Fifa-Chefs Joseph Blatter, in der Schweiz liebevoll „Sepp“ genannt, wurde in der Vergangenheit nicht gerade Transparenz gepflegt. Der seit zwölf Jahren amtierende Fifa-Chef hatte diesmal aber in einem Schreiben an das Fifa-Exekutivkomitee eine „gründliche Untersuchung“ angekündigt.

Unabhängige Sportexperten fordern indes harte Konsequenzen. „Um ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, muss die Fifa eine glaubwürdige Anti-Korruptions-Agentur aufstellen, ähnlich wie es die Uefa bereits getan hat“, postuliert Declan Hill, Spezialist für Bestechung im Fußball, in seinem Blog. Er sieht eine „systematische Korruption“ bei der wichtigsten Aufgabe der Fifa, der Vergabe der Fußball-WM. Auch Sylvia Schenk, Mitglied der Organisation Transparency International, sieht großen Handlungsbedarf. „Jedes Fifa-Mitglied müsste eine Meldepflicht für jede Art von Annäherungsversuchen haben. Und es muss Transparenz geben. Man kann zum Beispiel im Internet veröffentlichen, wer wann was entscheidet und wer wann wohin fliegt“, sagte Schenk dem „Tagesspiegel“.

Declan Hill, der vor zwei Jahren eine viel diskutierte Doktorarbeit zu dunklen Geschäften im Fußball veröffentlicht hatte, fordert unterdessen eine Welt-Antikorruptions-Agentur im Sport. Vorbild ist für ihn die Welt-Antidoping-Agentur.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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