Kratzer am Favoriten-Lack
DFB droht bei der EM eine Hammergruppe

dpa FRANKFURT/MAIN. Die Pfiffe der Fans nach der Nullnummer gegen Wales und eine drohende EM-Hammergruppe mit Weltmeister Italien, Vizeweltmeister Frankreich und dem Erzrivalen Holland interessierten in der deutschen Kabine nur am Rande.

Nach dem Stimmungstöter gegen Wales verfolgten Jens Lehmann & Co. in den Katakomben der Frankfurter Fußball-Arena vielmehr gebannt die Fernsehbilder vom Scheitern der Engländer. Joachim Löw versagte sich aber jegliche Schadenfreude: „Wir hatten damit gerechnet, dass sich England qualifiziert. Vom Namen her gehört so eine Mannschaft natürlich zu einer EM. Im Mutterland des Fußballs wird es jetzt eine Riesenenttäuschung und eine unglaubliche Missstimmung geben“, kommentierte der Bundestrainer und sagte mit Blick auf das Teilnehmerfeld bei der Euro 2008: „Ein Vorteil für uns ist das nicht. Es sind noch viele starke Nationen dabei: Italien, Frankreich, Portugal, Spanien.“

Auch Deutschland zählt beim Turnier vom 7. bis 29. Juni noch immer zum Favoritenkreis, obwohl die im Eiltempo qualifizierte Löw-Truppe auf der Zielgeraden eines erfolgreichen Länderspieljahres ins Straucheln geriet und für 2008 ein Bild zwischen Zuversicht und Zweifeln abgibt. Auch Löw gab einen Warnruf ab: „Die EM wird auf einem ganz hohen Niveau stattfinden. Wir müssen uns optimieren.“

Nach dem Sturz in Topf drei verspricht die Gruppenauslosung am 2. Dezember in Luzern Hochspannung. Alles ist drin für den dreimaligen Europameister, der seit dem Titelgewinn 1996 kein Spiel mehr bei einer EM-Endrunde gewinnen konnte und 2000 sowie 2004 in der Vorrunde k.o. ging: Eine „Todesgruppe“ mit den Niederlanden, Italien und Frankreich, aber auch ein Glückslos mit Österreich, Schweden und Polen. „Es wird ein Kampf auf Biegen und Brechen, um durch die Gruppe zu kommen“, mahnte Löw, während die Spieler Selbstbewusstsein demonstrierten: „Unser Ziel ist es, weit zu kommen, da muss man die Gegner nehmen, wie sie kommen“, meinte Philipp Lahm. Und Roberto Hilbert tönte: „Es ist völlig wurscht, in welchem Topf wir bei der Auslosung sind. Wir wollen Großes erreichen, da muss man gegen alle gewinnen.“

Nach den 90 tor- und freudlosen Minuten gegen die zweitklassigen Waliser herrschte aber erst einmal Katerstimmung auf den Rängen. Als sich die deutsche Mannschaft nach dem Abpfiff auch noch mit einem Plakat („Danke Fans: Mit Euch zur Euro 2008“) von den knapp 50 000 Zuschauern verabschiedete, erreichten die Pfiffe die höchste Phonzahl. Das brachte den seit 441 Länderspiel-Minuten unbezwungenen Schlussmann Jens Lehmann auf die Palme: „Natürlich hätten wir gerne 4:0 oder 5:0 gewonnen - aber es klappt halt nicht immer“, meinte der 38-Jährige. Er hatte überhaupt kein Verständnis dafür, „dass man am Ende einer Qualifikation im eigenen Land ausgepfiffen wird, als man sich noch mit einem Plakat bedanken wollte. Man hat einfach das Gefühl, der Deutsche freut sich, wenn er irgendetwas kritisieren und diese Stimmung auch zum Ausdruck bringen kann.“

Immer offensichtlicher wird, dass sich die Erwartungshaltung zu einem Problem entwickelt. „Ich glaube, dass das Publikum ein bisschen verwöhnt ist“, bemerkte Löw. Die realistische Einordnung der oft begeisternden, aber zuletzt gegen Irland (0:0), Tschechien (0:3) und Wales (0:0) abfallenden Leistungen ist ein wenig verloren gegangen. Die Breite des Kaders ist größer geworden, aber die Unverzichtbarkeit erfahrener Kräfte wurde trotzdem offenkundig. „Heute haben uns 274 Länderspiele gefehlt im Mittelfeld“, erwähnte Teammanager Oliver Bierhoff angesichts des Fehlens des WM-Quartetts Ballack (77 Länderspiele), Frings (70), Schneider (80) und Schweinsteiger (47).

Löw sehnt insbesondere die Rückkehr des Kapitäns herbei, aber in Michael Ballack spiegelt sich auch eine große Problematik wider: „Wir freuen uns natürlich, wenn der Kapitän zurückkommt. Aber es ist nicht so einfach, wenn jemand acht Monate weg war, sofort wieder den Anschluss zu finden“, warnte der Bundestrainer.

Nur noch zwei Länderspiele gegen die EM-Gastgeber Österreich (6. Februar) und Schweiz (26. März) bleiben Löw bis zur Nominierung des 23-köpfigen Kaders. „Wir kennen unseren Stamm“, sagte der 47-Jährige, aber „der Kampf um einige Plätze wird schon richtig entbrennen“. Als feste Größen in seiner EM-Wunschelf sind Lehmann im Tor, Mertesacker, Metzelder und Lahm in der Abwehr, Ballack, Frings und Schneider im Mittelfeld sowie Klose im Sturm eingeplant.

Gleich vier der acht EM-Fixpunkte bereiten aber Sorgen: Lehmann plagt die Reservistenrolle beim FC Arsenal - und die erfahrene „Ü 30“-Riege Ballack, Frings, Schneider war lange verletzt oder ist es noch bis ins Jahr 2008 hinein. „Sie können ein Spiel in die richtigen Bahnen lenken“, verwies Löw auf die „Reife“ dieser Spieler, die gegen Italien oder Frankreich bei der EM unverzichtbar wären. Der Bundestrainer muss um seine Asse zittern und wird am Ende ganz auf die am 19. Mai auf Mallorca beginnende unmittelbare EM-Vorbereitung setzen müssen: „Da haben wir die Mannschaft drei Wochen beisammen.“

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