Leipzig
Optimisten am Ball

In Leipzig ist vieles ein wenig zu groß - der Flughafen, der Hauptbahnhof, das Wohnungs- und Büroflächenangebot und das Stadion sowieso. Die Stimmung in der ostdeutschen Stadt ist besser als die tatsächliche Lage.

DÜSSELDORF. In Leipzig ist vieles ein wenig zu groß - der Flughafen, der Hauptbahnhof, das Wohnungs- und Büroflächenangebot und das Stadion sowieso. Der Bahnhof zeigt, dass nicht erst nach der Wende, als mit Fördergeldern viel mehr Büroimmobilien gebaut wurden als der Markt vertragen konnte, über das Ziel hinausgeschossen wurde. Das Gebäude, mit dessen Bau 1892 begonnen wurde, ist noch heute der größte Kopfbahnhof Europas. Nun soll er, auch dies kein bescheidenes Projekt, durch den 570 Millionen Euro teuren "City-Tunnel" mit dem Bayerischen Bahnhof im Süden verbunden werden.

Prestige-Projekte sind gut für die Stimmung. Und von der sagt Erik Marienfeldt, Geschäftsführer der in Leipzig vertretenen HIH Hamburgische Immobilienhandlung: "Sie ist besser als die Lage." Auch Jens Zimmermann, stellvertretender Vorsitzender des IVD-Verbandes Mitte-Ost, berichtet von 17 Prozent Wohnungsleerstand. Bereinigt um nicht mehr vermietbare Wohnungen bleiben immer noch zehn Prozent. Solche Gebäude stehen im Plattenbau-Stadtteil Grünau. Die Siedlung - in den 70er- Jahren für 100 000 Menschen konzipiert - beherbergt gegenwärtig noch 65 000 Menschen. "Über kurz oder lang werden es nur noch 35  000 sein", sagt Zimmermann. Wurden dort Wiesen zubetoniert, ging in der Innenstadt als Folge der SED-Baupolitik viel alte Bausubstanz verloren. Die DDR-Regierung in Berlin sei nach dem Motto verfahren: "Ruinen schaffen ohne Waffen", urteilt deshalb harsch das Goethe-Institut in einem Stadtporträt.

Der Büroleerstand nimmt in der sächsischen Metropole nur langsam ab, hat aber nach Erhebung der Beratungsfirma Atisreal die 20-Prozent-Schwelle knapp, doch nachhaltig unterschritten. Großflächen sind kaum gefragt. Schwach vermietete Büros seien für weniger als das Zehnfache der Nettojahresmiete zu kaufen, stellt HIH-Experte Marienfeldt fest.

Die Erfolgsstory wird vor den Toren der Stadt geschrieben. "Der Airport ist eine Jobmaschine", sagt Wulff Aengevelt, geschäftsführender Gesellschafter von Aengevelt Immobilien. Den Konkurrenten Schönefeld fürchten die Leipziger nicht. Mit der Zustimmung des Gerichts zum Bau des Berliner Flughafens haben die Leipziger gerechnet und sich über das dortige Nachtflugverbot gefreut. Denn das gibt es bei ihnen nicht, Berliner Luftfracht hebt künftig in Leipzig ab. Aengevelt erwartet einen "Ansiedlungsteppich" rund um den Flugplatz Halle/Leipzig.

Über den Einzelhandel der Stadt urteilen die Analysten des Immobilienberaters Atisreal: "Leipzig erobert das in den 90er-Jahren an die grüne Wiese verlorene Terrain für die City zurück." Leer stehende Läden gibt es kaum. Stefan Sachse, Atisreal-Büroleiter in Leipzig, stellt fest, dass Erstbezieher auf Eröffnungstermine vor der Fußball-WM drängen.

Einzelhandel und Hotellerie werden in den WM-Tagen den stärksten Umsatzsprung spüren. Nachwirken wird die WM für sie nur, wenn sie ihre Kunden ähnlich begeistern können, wie einst den Dichter Gotthold Ephraim Lessing. Der schrieb 1749: "Ich komme nach Leipzig, an einen Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann." Freilich: Für einen kurzen Städtetrip lassen sich WM-Gäste leichter gewinnen als für eine langfristige Standortentscheidung.

"Ansiedlungen werden nach Standortkriterien und nicht nach Events entschieden", sagt Detlef Schubert, Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung. Doch ein Großereignis lenkt die Blicke auf die Stadt, weswegen Wulff Aengevelt sagt: "Eine Olympia-Bewerbung und eine WM führen dazu, dass eine Stadt auf dem Radarschirm der Entscheider auftaucht." Eine Chance, die sich Wirtschaftsförderer Schubert nicht entgehen lassen wird. Er wisse, mit wem sich ein gemeinsames Frühstück in den WM-Tagen lohne, gibt er zu verstehen. Den Effekt, auf den die Leipziger setzen, beschreibt Immobilienprofi Aengevelt so: "Ein Investor geht zunächst in einen Ort, von dem er schon einmal gehört hat. Er prüft also nun Leipzig und nicht Wiesbaden, Saarbrücken oder Regensburg." Und wer wollte den Optimisten in Leipzig die Hoffnung nehmen, dass die Investoren in Goethes Lob einstimmen, das da lautet: "Mein Leipzig lob ich mir!"

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