Michael Ballack ein Mann für alle Fälle
„Wir haben noch Defizite“

Michael Ballack redet über den Zustand der Nationalelf, seine Rolle auf dem Platz und warum es einfacher ist, in einer guten Mannschaft zu spielen.

Frage: Herr Ballack, zu welcher Leistung ist die deutsche Mannschaft bei der WM fähig?

Michael Ballack: Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren fast nur Freundschaftsspiele. Nur der Confed-Cup war die einzige Gelegenheit, uns mit den anderen Mannschaften zu messen.

Ist die deutsche Mannschaft zu unerfahren?

Wir haben Spieler, die in ihren Vereinen wenig gespielt haben. Und wir haben nicht die Auswahl wie bei der WM 1990 oder auch noch 1996 bei der EM. Da waren viel mehr international erfahrene Spieler dabei, die das Spiel geprägt haben. In unserer Mannschaft ist das nicht der Fall, sie ist anders gewachsen. Sie lebt von ihrer Begeisterung und von ihrer Unbekümmertheit. Und natürlich macht sie dabei noch Fehler und ist nicht gefestigt. Deshalb gehe ich mit ein bisschen Ungewissheit in das Turnier.

Sie wollen aber Weltmeister werden?

Ja und das können wir auch schaffen. Es gibt vieles, dass mir Mut macht. Aber es kann viel passieren. Die Ergebnisse und die Leistungen im Vorfeld der WM zeigen, dass diese Mannschaft nicht so stabil ist.

Müssen wir ums Weiterkommen fürchten?

Natürlich haben wir unsere Möglichkeiten, keine Frage. Wir dürfen nur nicht so sehr auf den Gegner schauen, wir sollten unser Spiel durchziehen und Fehler vermeiden. Unsere Schwäche, das Defensivspiel, konnten wir in den vergangenen zwei Jahren nie abstellen. Wir wollen vorwärts und schnell spielen. Das ist grundsätzlich richtig, aber manchmal spielen wir zu schnell nach vorn und verlieren die Bälle. Wir müssen uns klar machen, dass wir nicht alle vorwärts denken können.

Das ist die Aufgabe des Trainers...

. . .Jeder Spieler ist dafür verantwortlich. Kein Trainer kann einem Spieler sagen, wann er quer zu spielen oder mal auf den Ball zu treten hat. Das ist immer eine Frage des Spielverständnisses.

Ist es dafür nicht zu spät?

Beim Confed-Cup haben wir das auch hinbekommen, mit einer ganz ähnlichen Mannschaft übrigens. Da war zum Anfang das 4:3 gegen Australien - ein Auf und Ab im Spiel. Gegen Tunesien waren wir dann sehr viel kompakter. Das war zwar nicht so attraktiv, aber wir haben auch unsere Tore geschossen, wenn auch spät. Aber so stelle ich mir unser Spiel vor.

Welche Rolle spielen Sie dabei?

Ich muss als zentraler Mittelfeldspieler das Ganze im Blick haben. Wir haben Schwächen in der Rückwärtsbewegung, das hat man immer wieder gesehen. Ich nehme mich da nicht raus. Andererseits bin ich der Impulsgeber, der versucht, dass Spiel anzukurbeln. Es ist schwer für mich, die Symbiose zu finden zwischen Defensive und Offensive.

Auf welcher Position helfen Sie der Mannschaft am meisten?

Ich sehe mich nicht auf einer festen Position. Ich gliedere mich ein. Das habe ich immer schon gemacht. Ich finde automatisch meine Position auf dem Feld. Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren damit angefreundet, habe meinen Stil darauf ausgelegt, weil die Trainer immer wieder sehen wollen, dass ich für Torgefahr sorge. Ich will nicht sagen, dass mir meine Torgefährlichkeit zum Verhängnis geworden ist, aber ich wurde aus der defensiveren Spielmacherposition herausgezogen, obwohl ich das gut spielen kann.

Gibt es so etwas wie eine Michael-Ballack-Taktik?

Weiß ich nicht. Fußball ist doch eigentlich einfach, ob man jetzt im 4-4-2-System spielt oder im 4-3-3. Wichtig ist, dass die Spieler in Bewegung sind, dass jeder Verantwortung übernimmt, und dass die Spieler gut sind. Gute Spieler können immer zusammenspielen, defensiv wie offensiv. Es ist immer einfacher, in einer guten Mannschaft zu spielen.

Ist die deutsche keine gute Mannschaft?

Wir können stark sein. Die Frage ist, wie wir unsere Qualitäten einsetzen.

Jürgen Klinsmann sagt, dass er Sie in seine taktischen Überlegungen einbezieht. Wie groß ist Ihr Einfluss?

Wir unterhalten uns natürlich immer wieder mal, auch über die Spielphilosophie. Der Trainer ist die entscheidende Figur und er möchte offensiv spielen. Er kennt aber auch meine Meinung.

Sie könnten also ruhiger schlafen, wenn die Mannschaft defensiver ausgerichtet wäre?

Nein. Noch einmal, ich bin ein Offensivspieler, und ich will Tore schießen. Wichtig war jetzt, dass wir die Defensive gestärkt haben. Vor vier Jahren, als ich zum FC Bayern wechselte, habe ich mehr geschimpft, weil ich mich gewaltig umzustellen hatte. Leverkusen spielte weitaus offensiver. Da haben wir mehr Risiko gespielt. Das war für unser Spiel prägend damals. Diese Sicherheit haben wir in der Nationalmannschaft nicht.

Sie sind Kapitän. Wie viel ist das Ihre Mannschaft?

Ich bin vor zwei Jahren Kapitän einer sehr jungen Mannschaft geworden. Ich habe mein Bestes gegeben, sie voranzubringen. Diese Mannschaft entwickelt sich, es funktioniert. Das ist schön zu sehen. Aber es ist ein hartes Stück Arbeit. Das geschieht nicht von heute auf morgen. Und genau das, was ich damals prophezeit habe, ist ja auch eingetreten. Anfangs war alles euphorisch. Und ich habe gesagt: wartet ab, wenn ihr ein Jahr dabei seid, wenn Alltag einkehrt, und wenn die Erwartungen steigen . . .

. . . und nach dem Confed-Cup . . .

. . . ging es spielerisch und mit der Begeisterung nach unten. Es war klar, dass es schwer werden würde, diese Begeisterung zu halten. Aber genau dann setzt sich Qualität durch. Und da haben wir im Vergleich zu einigen großen Mannschaften Defizite. Aber vielleicht täusche ich mich ja. In diesem Fall sehr, sehr gern.

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