Modernisierer am Spielfeldrand
Wirtschaftsstrategen loben Klinsmann

Bundestrainer Jürgen Klinsmann bekommt für seine Arbeit in diesen Tagen Anerkennung von allen Seiten. Jetzt stimmen auch die Wirtschaftsstrategen in das Loblied ein und bescheinigen dem Wahl-Amerikaner Managerqualitäten.

HB BERLIN. Die Wahrheit liegt nach wie vor auf dem Platz. Doch wie Bundestrainer Jürgen Klinsmann das deutsche Nationalteam vom Spielfeldrand aus in weltmeisterliche Hochform brachte, beeindruckt nicht nur Fußballfans. Politiker und Verbände in Berlin haben den 41- Jährigen schon als vorbildlichen Reformer für sich in Beschlag genommen, seit die einst wenig inspirierten DFB-Kicker begeisternde WM-Spiele hinlegen. Aber selbst Wirtschaftsstrategen bescheinigen dem schwäbischen Bäckersohn Managerqualitäten, die über das Turnier hinaus Maßstäbe setzen könnten.

Dass Klinsmann gleich nach Amtsantritt gewohnte Verbandsstrukturen umkrempelte und die taktischen Signale auf größere Offensive stellte, überzeugt auch Ökonomen. "Es war eine radikale Modernisierung, die in ihrer Härte erstaunte, aber der Mannschaft gut tat", sagt Björn Bloching, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Trotz aller vorherigen Schwächen seien Nationalteam und DFB aber zumindest finanziell kein Sanierungsfall gewesen und Klinsmann kein Sanierer im klassischen Sinn. "Er konnte vom ersten Tag an aus dem Vollen schöpfen". Der Betreuerstab wuchs sogar um zusätzliches Personal.

Einfach waren die Bedingungen dennoch nicht. Bis zum Ernstfall, der Weltmeisterschaft 2006, blieben gerade einmal zwei Jahre, die Möglichkeiten beim Spieler-Engagement sind beschränkt: "Wenn ein Unternehmen restrukturiert wird, kauft man anschließend über Headhunter oft auch Spezialisten hinzu, durchaus auch anderer Nationen", erläutert Bloching. Dabei hänge im Fußball der Erfolg unmittelbar mit den handelnden Menschen zusammen. "Und dies ist vergleichbar mit der Wirtschaft: Mindestens die Hälfte des Erfolgs ist Psychologie."



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Um der Elf eine Siegermentalität einzuflößen, dürfte Klinsmann indes kaum die Maximen der antiken chinesischen Kriegskunst studiert haben, wie sie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" gerade halbernst ins Schwäbische übersetzte: Das offen formulierte Ziel des Titelgewinns folge etwa der Maxime "Dürre Bäum mid Blume schmügge". Managementexperten formulieren es nüchterner und heben vor allem die Einstellung zur Risikobereitschaft hervor. "Eine Organisation, die keine Fehler zulässt, verkrustet, weil sich jeder nur noch absichert", sagt Unternehmensberater Bloching. "Aber es gilt: Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen."

Dass Klinsmann und seinen teils umstrittenen Maßnahmen bisher allein schon der Erfolg Recht gibt, kommt auch Wirtschaftskapitänen bekannt vor. "Am Ende muss einer die Verantwortung übernehmen. Und wenn es gut ist, war alles in Ordnung", meint etwa Bahn-Vorstandschef Hartmut Mehdorn. Unter Werbeagenturen keimt derweil Hoffnung auf einen Klinsmann-Effekt, der mehr "Mut für kreativere und frechere Kampagnen" bringen könnte, wie die Fachzeitschrift "Horizont" ermittelte.

Beweisen muss sich der Kurs des Modernisierers an der Seitenlinie erneut an diesem Freitag, wenn Deutschland im WM-Viertfinale auf Argentinien trifft. Falls die Nationalelf unterliegt, sich aber erhobenen Hauptes verabschiedet, dürfte das die allgemeine Euphorie zwar bremsen, aber wohl kaum vollends stoppen. Die neuen Strukturen würde das daher nicht in Frage stellen, meint Unternehmensberater Bloching: "Man darf auch einmal verlieren."

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