Nach Abreise von Schulz: DFB-Abwehr bleibt Sorgenkind
Der "Kinderriegel" wirkt angeknabbert

Der Mangel an Erfahrung ist nicht das Hauptproblem in der Defensiv-Abteilung der deutschen Nationalmannschaft. Klinsmann und Löw sind zu einem Improvisations-Theater auf den Außenbahnen verdammt.

HB FRANKFURT/MAIN. Als am Tag vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Nationalmannschaft beim Confederations Cup auch noch Christian Schulz verletzt abreisen musste, war der personelle Notstand in der deutschen Abwehr komplett. In Arne Friedrich, Andreas Hinkel, Robert Huth, Per Mertesacker und Patrick Owomoyela standen Jürgen Klinsmann am Mittwochabend in Frankfurt gegen Australien noch fünf Abwehrkräfte zur Verfügung - aber auf der linken Seite gibt es nach der Abreise von Schulz überhaupt keinen Spezialisten mehr. Auf eine Nachnominierung für den 21-jährigen Bremer, den eine schmerzhafte Schienbeinkopf-Prellung mit Knochenentzündung stoppte, verzichtete Klinsmann dennoch. "Wir wollten niemanden aus dem Urlaub holen und direkt ins Turnier schicken. Auf Anhieb hätte der Spieler nicht die nötige Fitness mitgebracht", sagte der 40-Jährige.

Links hinten muss nun Mittelfeldspieler Thomas Hitzlsperger die ganze Last alleine tragen. Der nachnominierte Lauterer Marco Engelhardt erfüllt als Notnagel wenigstens die Voraussetzung, ebenfalls mit links schießen zu können. Auch rechts ist die Personaldecke trotz Hinkel und Owomoyela qualitativ so dünn, dass der offensive Bernd Schneider schon den Lückenbüßer in der Viererkette spielen musste. Die unerfahrene Hintermannschaft ist seit Beginn der Turnier- Vorbereitung immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Doch wen hätte Klinsmann als Alternativen für die Hinkels und Huths nominieren sollen? Auf dem Papier lässt sich zwar mit den künftigen Bayern - Teamkollegen Andreas Görlitz und Philipp Lahm auf den Außenpositionen sowie den Dortmundern Christian Wörns und Christoph Metzelder eine namhaftere Abwehrkette zusammenstellen. Das Problem ist allerdings, dass viele WM-Kandidaten nach größtenteils schweren Verletzungen im wahrsten Sinne des Wortes Lahm-gelegt sind.

Am schmerzlichsten vermisst wird der 21-jährige Lahm, der als Rechtsfuß der einzige deutsche Linksverteidiger von internationalem Format ist, aber nach einem Kreuzbandriss noch bis zum Jahresende pausieren muss. "Der Ausfall von Philipp tut weh. Er war auf der linken Seite gesetzt", sagte Klinsmann. Und sonst? Auch der Schalker Christian Pander fällt monatelang wegen einer Knie-Verletzung aus, und der einstige Stammplatz-Anwärter Tobias Rau vom FC Bayern München ist nach Verletzungen und Formtief in der Versenkung verschwunden. Als letzte Lösung hätte sich nach der Verletzung von Schulz nur noch eine Abberufung des 19-jährigen Gladbachers Marcell Jansen von der laufenden U 20-Weltmeisterschaft in den Niederlanden angeboten, doch das kam für den Bundestrainer nicht in Frage: "Wir wollten keine Spieler von der U 20 abziehen, weil sie bei der WM wesentlich mehr internationale Spielpraxis sammeln können als bei uns", sagte er.

Freiwillig verzichtet Klinsmann beim Confed-Cup auf Wörns, aber aus gutem Grund: Der Routinier konnte wegen einer Hüftblessur nur mit Schmerzen für Dortmund die letzten Bundesliga-Spiele bestreiten und bat um eine dringend benötigte Pause. Auch Bremens Frank Baumann, den Klinsmann als Mittelfeldspieler einstuft, war nach überstandener Verletzung mangels Fitness kein Kandidat. Dessen Teamkollege Frank Fahrenhorst, bei Klinsmanns Dienstantritt in Österreich (3:1) noch hoffnungsvoller Debütant, nimmt selbst im Verein nur noch eine Reservisten-Rolle ein.

Das eigentliche Dilemma ist aber das Verletzungspech. Vize- Weltmeister Metzelder kämpft nach Operationen an der Achillessehne und über zwei Jahren Pause um die Form von 2002, der 23-jährige Görlitz wurde nach gerade ausgeheiltem Kreuzbandriss schon wieder am Knie operiert. Es fehle "die Generation des gestandenen Abwehrspielers", beklagte Kapitän Michael Ballack. Dies führt dazu, dass betagte Recken wie Jens Nowotny trotz des vierten Kreuzbandrisses oder Markus Babbel, der vor fünf Jahren sein letztes Länderspiel bestritt, Aufnahme in Klinsmanns 37-köpfige WM- Kandidatenliste fanden. Nichts scheint im Blick auf 2006 undenkbar, auch nicht ein Comeback von Thomas Linke: Schließlich hatte der 35- Jährige bei Klinsmanns Einstandssieg vor zehn Monaten in Wien noch einmal für 90 Minuten ausgeholfen, nachdem der Bundestrainer den künftigen Salzburger in höchster Abwehrnot angerufen hatte.

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